Durch die stürmische Entwicklung der elektronischen Medien und ihre Vernetzung verlieren geographische Orte und Entfernungen zunehmend an Bedeutung, die Stadt als traditionelles Zentrum von Organisation, Produktion und Kommunikation scheint von Interaktionen im "virtuellen Raum" abgelöst zu werden. Dieser Prozeß ist nicht unumstritten und schon gar nicht homogen, vielmehr gibt es eine Vielzahl von Zugängen, Beziehungen und auch Brüchen die im vorliegenden Buch, das im Kontext einer Ausstellung “Telepolis" und als Begleitprogramm dazu durchgeführter Konferenzen (Luxemburg/München 1995) entstand, u.a. von Kommunikationswissenschaftler, Architekten, Künstler und Medientheoretiker aus verschiedenen Ländern in über 20 Beiträgen diskutiert werden. Etliche davon widmen sich künstlerischen und architektonischen Konsequenzen von “Telepolis" , so etwa der britische Architekt Martin Pawley, der in der Verbreitung der elektronischen Netze und des damit verbundenen Entstehens eines nicht-städtischen Urbanismus u. a. eine Gefahr für die Gattung der dauerhaften Gebäude und damit letztlich der Städte sieht, oder der Stadtsoziologe Mike Davis der am Beispiel Los Angeles die Auseinanderentwicklung von sicherheitstechnisch eingebunkerten Cyber-Räumen und des ehemaligen öffentlichen Raums dazwischen diagnostiziert, der zunehmend in Anarchie und Gewalt versinkt. William J. Mitchell, Architekturprofessor am MIT, sieht auch künftig ein Nebeneinander zwischen persönlicher Begegnung und Telekommunikation und artikuliert einige sich daraus für ihn ergebende Herausforderungen an die Architektur. Die Erweiterung unseres Wahrnehmungsvermögens zur" Cyberception" und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten für Kunst und Architektur begrüßt der walisische Medienkünstler Roy Ascott, auch der New Yorker Stadtplaner Carlos H. Betancourth sieht im Netz Chancen für die Entfaltung kultureller Differenzen und neuer sozialen Beziehungen. Andere Aufsätze stellen sich soziologischen und gesellschaftsphilosophischen Fragen, so etwa der Literatur- und Computerwissenschaftler Jay David Bolter aus Georgia, der konstatiert, daß wir Telepolis erst einmal sozial neu konstruieren müssen. Der Robotiker Hans Moravec aus Pittsburgh entwirft gruselige Szenarien, in denen Künstliche Intelligenz und Roboter die Menschen überflüssig gemacht haben, wogegen der Biologe Tom Ray mit seinem Projekt “Tierra" für das Schaffen eines Bio-Dschungels Im Internet plädiert. Der Berliner Philosoph Stefan Münker sieht im Rückblick auf die Geschichte der Stadt Veränderung als eines ihrer konstitutiven Prinzipien und fordert aktiven Gestaltungswillen, den der Essener Kommunikationstheoretiker Norbert Bolz als Design großflächig vernetzter Kommunikations- und Fertigungsprozesse konkretisiert. Die Beziehungen zwischen Stadt und Cyberspace analysiert der Pariser Hypermedia-Professor Pierre Levy; er betrachtet die Figuren der Analogie, der Substitution und der Assimilation als überholt und tritt für eine Erkundung verschiedener Artikulationstypen zwischen urbanen Wirklichkeiten und den neuen Formen kollektiver Intelligenz ein. Der Oxforder Ökonom Andrew Graham macht auf einige Problemzonen der Datenautobahn aufmerksam, bei denen ordnungspolitischer Handlungsbedarf besteht. Zum Abschluß weist der Direktor des Pariser Institut National de l'Audiovisuel, Philippe Ouéau, auf die Labilität und Gefahr der Konfusion des Virtuellen hin und plädiert dafür, daß wir uns alle kundig machen, die neue hybride Schrift zu lesen, um nicht zu Abhängigen weniger "Schriftgelehrter" zu werden. Ein außerordentlich inhaltsreicher Sammelband, der sich auch wegen seiner teilweise sehr ausführlichen Literaturhinweise als Reader für jede/n empfiehlt, die/der sich auf hohem Niveau über die Perspektiven und Probleme von “Telepolis " orientieren will. W. R.

Stadt am Netz. Ansichten von Telepolis. Hrsg. v. Stefan Iglhaut ... Mannheim: Bollmann, 300 S.,1996.