Die Kluft zwischen Verheißung und Erfüllung in der Medizin wird immer größer. Der Autor sieht nicht etwa im Mangel, sondern im Überfluss das strategische Grunddilemma. Mehr als zwei Millionen Menschen arbeiten mittlerweile allein in der Bundesrepublik im Gesundheitswesen. Mehr als in der gesamten Automobil-, Stahl- und Chemieindustrie zusammen. Und dennoch werden die Menschen immer kränker. Aber nicht trotz, sondern gerade wegen der Erfolge der modernen Medizin. Das ist die logische Konsequenz der Siege über Tod und Seuchen der letzten hundert Jahre. Die Medizin verlängert nicht das gesunde Leben, sondern die Zeit zwischen Erkrankung und Tod.

Seit der Erfindung des Insulin ist beispielsweise die Zahl der Zuckerkranken in der BRD zehnmal so hoch wie zu Beginn dieses Jahrhunderts, weil Zuckerkranke heute nicht mehr sofort sterben müssen, sondern noch viele Jahre mit der Krankheit überleben können. Doch die Medizin steckt in der Fortschrittsfalle. Der gewaltige technische Fortschritt in der Apparatemedizin hat die Kosten explodieren lassen. So kostete etwa ein einziger Bluterkranker die AOK Euskirchen 24 Millionen Mark. Und theoretisch könnte das ganze Bruttosozialprodukt in den medizinischen Sektor investiert werden, ohne allerdings die Volksgesundheit wesentlich zu verbessern. Zukünftig werde deshalb, so Walter Krämer, eine Rationierung der zur Anwendung kommenden Verfahren unumgänglich.

Schon auf der Planungsebene sollte entschieden werden, ob das vorhandene Geld eher in eine Spezialklinik für Brandverletzungen investiert werden sollte, oder in ein Präventionsprogramm zur Senkung des Bluthochdruck. Entscheidendes Kriterium einer solchen "rationalen" Gesundheitspolitik wäre die Maximierung der durch einen bestimmten Geldeinsatz gewonnenen Lebensjahre. Dem Medizinbetrieb insgesamt empfiehlt der Dortmunder Statistikprofessor mehr Marktwirtschaft. Eine Abschaffung des Ständewesens würde zwar die "Honorarsuppe" der bereits etablierten Ärzte etwas schmälern; dass ein "erbarmungsloser Konkurrenzkampf" unter der Ärzteschaft aber nicht unbedingt zu Lasten der Volksgesundheit gehen muss, belegt das Beispiel Island. Dort steht je 350 Einwohner ein Arzt zur Verfügung. (In der BRD 625.)

Laut WHO ist das isländische Volk das gesündeste der Welt. Der wichtigste Satz in Bezug auf das Thema findet sich aber auf der letzten Seite: "Vielleicht hätte diese ,schöne neue Welt' allein dadurch viele Schrecken weniger, dass wir alle zusammen und jeder einzelne für sich damit ins reine kämen, dass wir alle sterblich sind." In der Tat: An der Vergänglichkeit des Lebens wird auch die perfekteste Medizin nichts ändern können.

E. H.

Krämer, Walter: Wir kurieren uns zu Tode. Die Zukunft der modernen Medizin. Campus Verlag, Frankfurt 1993, 150 S., DM 17,80/ ÖS 139,- / sFr 15,10