David Graeber, David Wengrow

Anfänge

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Anfänge

Die gängige Erzählung menschlicher Entwicklung lautet folgendermaßen: Bis zur neolithischen Revolution vor etwa 10.000 Jahren lebten die Menschen als Jäger und Sammler in relativ egalitären Kleingruppen. Im Zuge der Sesshaftwerdung und Einführung der Landwirtschaft wurden Überschüsse erwirtschaftet, die Eliten und Hierarchien hervorbrachten. Größere Zusammenschlüsse von Menschen machten das Zusammenleben komplexer, was Hierarchien und Verwaltungsapparate erforderte. Die Entwicklung der „Zivilsation“ brachte zwar Literatur, Wissenschaft und Philosophie hervor, allerdings auch patriarchale Strukturen, Kriege und Bürokratie.

Dieses Narrativ sozialer Evolution wollen der 2020 verstorbene Anthropologe David Graeber und der Archäologe David Wengrow in ihrem neuen Buch aufbrechen. Über zehn Jahre haben die beiden abseits ihrer akademischen Verpflichtungen damit zugebracht, eine „neue Geschichte der Menschheit“ zu verfassen. Das Ergebnis ist ein fast 670 Seiten starkes Buch, das die archäologischen und anthropologischen Erkenntnisse der letzten Jahrzehnte in einem eindrücklichen Werk zusammenbringt.

Der Ursprung des Stufenmodells

Laut Graeber und Wengrow liegen die Ursprünge gängiger Theorien gesellschaftlicher Entwicklung in der Reaktion europäischer Denker auf indigene Kritik. Indigene Amerikaner hätten sich durchaus kritisch über die Institutionen ihrer Eindringlinge geäußert, insbesondere die mangelnde Freiheit und die damit einhergehende Ungleichheit. Die Idee, menschliche Gesellschaften nach Entwicklungsstufen zu ordnen, die über jeweils charakteristische Technologien und Organisationsformen verfügen, geht maßgeblich auf Denker der Aufklärung zurück. Dabei werden Jäger, Hirten oder primitive Bauern als „Überbleibsel früherer Stadien unserer gesellschaftlichen Entwicklung“ (S. 77) dargestellt. Turgot beispielsweise betrachtete deren angebliche Freiheit und Gleichheit als Zeichen von Unterlegenheit, die nur möglich sei, da alle gleichermaßen arm wären.

Keine einheitliche Entwicklungslogik

Gegen dieses Stufenmodell spricht für die Autoren, dass Menschen immer schon mit verschiedenen Formen des Wirtschaftens und der sozialen Organisation experimentiert, mehrere dieser Formen gleichzeitig praktiziert oder nach Jahrhunderten wieder aufgegeben und später wieder aufgegriffen hätten. Menschen würden sich nämlich insbesondere dadurch auszeichnen, dass sie bewusste politische Entscheidungen treffen können. Bereits früh wären Menschen sehr mobil gewesen und hätten große Distanzen zurückgelegt. Dadurch lernten sie auch andere Kulturmerkmale kennen. Kulturareale wären entstanden, indem Menschen bewusst bestimmte Praktiken wie Ackerbau oder Sklavenhaltung übernahmen oder ablehnten. Bei dieser kulturellen Abgrenzung hätte es sich um einen politischen Prozess gehandelt, „weil er bewusste Auseinandersetzungen über die richtige Art zu leben beinhaltet.“ (S. 227) Damit grenzen sich die Autoren von jenen Ansätzen ab, die die Entstehung unterschiedlicher Kulturkreise auf Umweltfaktoren, vorherrschende Technologien oder kulturelle Aspekte zurückführen.

Dass Gesellschaften nicht unbedingt einem bestimmten Entwicklungsstadium zuzuordnen sind, zeigen auch jüngere Beispiele aus der Geschichte. Aufzeichnungen des französischen Soziologen und Ethnologen Marcel Mauss zu Beginn des 20. Jahrhunderts beschreiben den saisonalen Wechsel zwischen verschiedenen Organisationsformen unter Inuit: Während sie im Sommer in Kleingruppen unter strenger Führung des Familienoberhaupts auf die Jagd gingen, ließen sich die Inuit während der langen Wintermonate an einem Ort nieder, an dem keine Hierarchien herrschten. Die Autoren beschreiben eine Reihe weiterer Gesellschaften, in denen das Ausüben autoritärer Macht ausdrücklich saisonal und befristet ist.

 

Komplexität und Egalität

Noch vor den ältesten bekannten Städten Mesopotamiens gab es auf dem Gebiet der heutigen Ukraine sog. „Megastätten“. Die größte davon, Taljanky im 4. Jahrtausend v. Chr., erstreckte sich über eine Fläche von dreihundert Hektar. Trotz dieser beachtlichen Größe gebe es keine Hinweise auf eine Zentralregierung oder Verwaltung. Obwohl die logistischen Herausforderungen einer solch großen Siedlung gewaltig gewesen sein dürften und Überschüsse produziert wurden, fänden sich „über acht Jahrhunderte hinweg […] kaum Hinweise auf Kriege oder den Aufstieg sozialer Eliten“ (S. 321). Auch in der berühmten jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük in der heutigen Türkei lebten tausende Menschen auf relativ engem Raum – anscheinend ohne zentrale Autorität oder Elitenviertel. Für Graeber und Wengrow zeigen diese Beispiele, dass „eine hochgradig egalitäre Organisation im städtischen Maßstab möglich war“ (S. 325). Trotz ihrer Größe gelten solche Siedlungen aufgrund der Abwesenheit zentraler Kontrolle oder Verwaltung als „primitive“ Gesellschaften und werden daher nicht mit dem Begriff „Stadt“ gewürdigt. Gleichzeitig hätte es auch unter nicht sesshaften Jägern und Sammlern Statusgesellschaften mit strengen Rangordnungen oder Sklavenhaltung gegeben.

Es könnte alles anders sein

Anhand einer geradezu überwältigen Fülle an Beispielen aus allen Ecken der Erde illustrieren die beiden Autoren, wie unterschiedlich menschliches Zusammenleben in der Vergangenheit ausgesehen hat. Angesichts dieser Vielfalt an Optionen in der Menschheitsgeschichte sehen Graeber und Wengrow den gegenwärtigen Zustand der Welt auch nicht als unvermeidliches Ergebnis der Entwicklungen früherer Jahrtausende. Damit stellen sie sich gegen eine Gesellschaftstheorie, die die Entwicklung der Menschheitsgeschichte so darstellt, als hätte sie notwendigerweise dort enden müssen, wo wir heute stehen. Dadurch erscheint nicht nur die Geschichte, sondern auch der gegenwärtige Zustand unserer von Ungleichheit geprägten Gesellschaften alles andere als alternativlos.