Esther Bockwyt

„Alles toxisch, oder was?“

Ausgabe: 2026 | 4
„Alles toxisch, oder was?“

Wer in letzter Zeit im Alltag oder in den sozialen Medien (vermehrt) über die Begriffe „toxisch“, „narzisstisch“, „inneres Kind“, „Trigger“ oder „traumatisiert“ gestolpert ist und sich fragt, was dahintersteckt und wie diese Wörter korrekt verwendet werden, ist mit dem Buch „Alles toxisch, oder was?“ von der klinischen Psychologin Esther Bockwyt bestens bedient!
Angebote zur psychologischen Hilfe oder Selbsteinschätzung, wie „Ist dein Partner toxisch?“, „Hast du auch ADHS?“ oder „So heilst du dein inneres Kind!“, sprechen einige Menschen an, die im Internet nach klärenden Antworten oder konkreten Handlungsanweisungen für psychische Probleme suchen. Aber wie vertrauenswürdig ist das alles? Jedes Kapitel knöpft sich ein anderes populäres Pop-Psychologie-Phänomen vor und dekonstruiert es. Die Autorin legt diverse semantische Verschiebungen offen und beschreibt, wie Begriffe aus dem klinisch-psychologischen Kontext in den Alltagsdiskurs gewandert sind. Dort werden sie geradezu inflationär bzw. falsch angewendet und produzieren mehr Verwirrung als Erkenntnisse. Es ist kein Anti-Psychologie-Buch, sondern eine Kritik, die die gerade vorherrschende sprachliche Überdehnung oder Banalisierung bestimmter psychologischer Konzepte begriffsgeschichtlich sensibel aufarbeitet. Zwei gesellschaftliche Veränderungen werden dabei immer wieder sichtbar gemacht: die Pathologisierung des Alltäglichen und die therapeutische Ökonomisierung des Selbst unter dem Deckmantel der Selbstoptimierung. Während früher beispielsweise über Kränkungen, Eigenarten oder Ambiguitätstoleranz diskutiert wurde, greift man heute schneller auf Diagnosen, Symptome und Etiketten zurück. In den Kapiteln zur toxischen Persönlichkeit oder Trauma-Inflation zeigt die Autorin, wie diese Konzepte an semantischer Schärfe verlieren, je undifferenzierter und universeller sie verwendet werden. Ebenso werden mit knappen Info-Kacheln aufwendige diagnostische Verfahren verkürzt, mit anekdotischer Evidenz persönliche Wahrnehmungen überpauschalisiert oder Betroffene werden zu unzureichend ausgebildeten Beratern für diverse psychische Probleme. Einerseits ermöglicht die Verwendung psychologischer Sprache also mehr Sichtbarkeit und Verständnis, andererseits kann es zu einer Übertreibung von natürlichen Abweichungen oder einer Überidentifikation mit Symptomatiken führen. Es ist außerdem sehr spannend, wie gesellschaftliche, politische oder ökonomische Probleme und Dimensionen individualisiert werden. Selbstliebe, Wellness, Selbstoptimierung, Coaching-Kultur oder „healing journeys“ erscheinen oft als neutrale Hilfsangebote zur Veränderung oder Verbesserung von Problemen. Tatsächlich sind sie aber mit einer kapitalistischen Marktlogik verflochten. Durch die Selbsthilfe-Branche wird in Verbindung mit bestimmten Produkten oder Programmen professionelle psychologische Hilfe instagrammable gemacht, vereinfacht oder anderweitig finanziell ausgebeutet. „Arbeite an dir, heile, optimiere und reflektiere dich – alles liegt in deiner Hand“ erscheint dabei als neoliberales Pflichtprogramm. Dieses Buch wirkt herrlich entlastend: Es gibt keine schnellen Patentrezepte für alles und auch keine Erlösungsversprechen. Menschliche Erfahrung besteht aus Grauzonen und Ambivalenzen. Wer also verstehen will, wo psychologische Konzepte und Begriffe ihren Ursprung haben, wo die Pop-Psychologie falsch abgebogen ist und wie man all das kritisch betrachten und logisch einordnen kann, sollte dieses Buch lesen!