Kwame Anthony Appiah

Captive Gods

Ausgabe: 2026 | 4
Captive Gods

Der Professor für Philosophie und Rechtswissenschaften Kwame Anthony Appiah behandelt in seinem Buch „Captive Gods. Religion and the Rise of Social Science“ die Frage, wie frühe Sozialwissenschaften durch ihre Religionstheorien unser Verständnis von Gesellschaft bis heute geprägt haben, wobei Appiah Gesellschaft und Religion als unentwirrbare Kategorien beschreibt (S. 2). Sein ideengeschichtlicher Zugang konzentriert sich dabei auf Edward Burnett Tylor, Émile Durkheim, Georg Simmel sowie Max Weber. Der Philosoph leitet das Buch mit Edward Burnett Tylor ein, welcher als Minimalanforderung an eine Religion einen geteilten Glauben an spirituelle Wesen definierte. Émile Durkheim grenzte sich vom Zugang Taylors ab, indem er kritisierte: „It cannot be that ‘systems of ideas like religions, which have held such a considerable place in history, and where peoples have always drawn the energy necessary to live, are merely webs of illusions’“ (S. 68). Für Durkheim bestehen Religionen aus einem kollektiven Glaubens- und Ritualsystem, welches die Gesellschaft durch die gemeinsame Unterscheidung von Heiligem und Profanem zusammenhält. Noch bevor sich Politik, Wirtschaft und Wissenschaften als eigenständige Disziplinen etablierten, war Durkheim zufolge alles Soziale religiös – „everything social was religious“ (S. 80). Georg Simmel zufolge war die Trennung von Staat und Religion für letztere systemerhaltend. Trotzdem ist das Christentum laut Simmel wesentlich für Normen und Werte. Die Beziehung zu Gott symbolisiert demnach die Beziehung zur gesellschaftlichen Gemeinschaft. „For Durkheim, the content of religion was society; for Simmel, the form of religion was society. But for Weber, in a thoroughgoing way, societies and religions were always plural entities [… and he] saw dangers in turning either ‚religion‘ or ‚society‘ into one.“ (S. 142f.) Abschließend geht der Philosoph auf zeitgenössische Denker und deren Interpretation des Verhältnisses zwischen Gesellschaft und Religion ein und plädiert, grob zusammengefasst, für ein Mittelmaß. Auch eine allgemeingültige Definition von Religion bietet Appiah seinen Lesenden nicht an. Stattdessen verweist er auf die Tatsache, dass sich die moderne Soziologie und ihre Auseinandersetzung mit dem Sozialen und den Religionen in Zeiten der Krise etabliert haben und dass wir uns auch jetzt wieder in einer Zeit der Krisen – „infused with religious fervor“ (S. 248) – befinden.