Andreas Fulda

Wenn China angreift

Ausgabe: 2026 | 4
Wenn China angreift

Das Denken, mehr noch das Schreiben in Szenarien, hat in den vergangenen Jahren Konjunktur, und zwar weit über den deutschsprachigen Raum hinaus. Es ist ein Genre, das sich seiner eigenen Fallhöhe bewusst sein muss. Schon die Herkunft des Wortes zwingt zur Ausgestaltung, zur Verdichtung von Details, die zwischen plastischer Anschaulichkeit und latenter Willkür oszillieren. Genau darin liegt seine Angriffsfläche. Zugleich eröffnet sich eine seltene Chance: nüchterne Analyse in erzählerische Evidenz zu überführen und sie mit einem Ton der Dringlichkeit zu versehen, der nicht bloß behauptet, sondern erfahrbar wird.
Dieser Gratwanderung folgen zuletzt etwa Annie Jacobson in „Nuclear War“ und Carlo Masala mit „Wenn Russland angreift“. Inhaltlich verwandt, formal jedoch anders gelagert, ist auch die taiwanische Serie “Zero Day Attack“. Unabhängig davon entwirft Andreas Fulda, ausgebildet in London und Berlin, heute Politikwissenschaftler in Nottingham und medial präsenter Kritiker der Kommunistischen Partei, eine ebenso dichte wie verstörende Miniatur. Sie spielt im Jahr 2027 und skizziert eine mögliche Okkupation Taiwans in vier Phasen: Informationskrieg, Seeblockade, Angriff und verspätete Abwehr.
Der zweite Teil weitet den Blick und entwirft, weiterhin spekulativ, die globalen Konsequenzen einer Pax Sinica. In den locker gefügten folgenden Abschnitten, ergänzt durch eine Chronologie der letzten Dekade im Verhältnis zwischen der Kommunistischen Partei und Taiwan sowie durch dreizehn pointierte, nicht nur an Journalisten gerichtete Fragen, wird Fulda expliziter. Gerade in dieser Verdichtung liegt die Stärke des Buches. Es liefert eine knappe, gerade deshalb instruktive Einführung in eine hochkomplexe Konstellation, in der die Interessen der Kommunistischen Partei und der Regierung Taiwans unauflöslich ineinander greifen.
Fulda argumentiert nüchtern, ohne je spröde zu werden, anschaulich, ohne in Sensationslust abzugleiten, dringlich, ohne Alarmismus. Mit stiller Zustimmung liest man auf Seite 110 den Hinweis, dass die territorialen Ansprüche der Kommunistischen Partei nicht bei Taiwan enden. Der Horizont ist größer. Von Russland über Indien bis nach Vietnam, Malaysia und Japan wird sich ein Gürtel von Staaten mit Forderungen konfrontiert sehen, die auf eine schrittweise Abtretung von Territorium zielen. Ein Szenario, das seine Plausibilität gerade aus der Ruhe bezieht, mit der es vorgetragen wird.