Vom Westen nichts Neues

Alain Badiou Morden von Paris Wider den globalen KapitalismusDer Philosoph, Mathematiker, Dramaturg und Romancier Alain Badiou plädiert in der kurzen Verschriftlichung einer seiner Vorträge für ein neues Denken abseits des globalen Kapitalismus.

Der Kapitalismus stellt weltweit eine scheinbar unbezwingbare und unhinterfragte Herrschaftsform dar. Machtpole wie Großkonzerne haben mehr Befehlsgewalt als Staaten und verleihen der Welt eine gewinnorientierte Prägung. Dadurch entstehen unter Anderem neue imperiale Praktiken wie beispielsweise das Verhältnis des Westens zum sogenannten Islamischen Staat (IS). Westliche Länder setzen sich immer wieder für die Zerschlagung des IS ein – doch aufgrund seiner Wirtschaftsmacht werden auch weiterhin mit ihm Geschäfte gemacht. Demgemäß wird nicht nur beim Morden von ZivilistInnen weggesehen, sondern auch die gänzliche Vernichtung von Staaten durch kapitalistische Interessen gefördert, erläutert Badiou. Er verweist etwa auf Interventionen in Mali, Libyen und anderen Staaten Afrikas und führt in diesem Zusammenhang den Begriff Zonierung ein.

Im Zuge globaler kapitalistischer Prozesse wächst die Ungleichheit in der Bevölkerung. Die ungerechte Verteilung von Ressourcen führt dazu, dass Badiou die Gesellschaft in eine internationale Oligarchie, eine Mittelschicht und Mittellose einteilt. Die Oligarchie ist mit 10 Prozent der Weltbevölkerung die mit Abstand kleinste der drei Gruppen und steht für die Mächtigsten, die an Besitz Reichsten. Die Mittelschicht (40 Prozent) ist größtenteils westlich geprägt und stellt „die Zivilisation“ dar, die einen geringen Anteil der weltweiten Ressourcen besitzt. Mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung sind weitestgehend besitzlos – die Mittellosen. Sie zählen, so Badiou, in einer kapitalistischen Welt nichts, da sie keinen Beitrag zum Kapitalismus leisten, da sie weder arbeiten noch konsumieren (können). Für eine kapitalistische „Logik“ scheint die Erzeugung von Mehrwert (nach Marx) und Gewinn wichtiger als der Wert der Mittellosen. Diese kapitalistisch nicht verwertbaren Menschengruppen würden oftmals unter den Einfluss eines Gangstertums faschistischer Prägung geraten: Diktaturen und Menschenhandel würden sie vielfach prägen.

Des Weiteren beschreibt Badiou drei Subjektivitätstypen, die „von der Struktur der heutigen Welt herbeigeführt werden“ (S. 41). Der westliche Typ, die Subjektivität der Mittelschicht, ist durch Selbstzufriedenheit und Angst vor Privilegienverlust gekennzeichnet. Der Westen –  die Mittelschicht, wahrgenommen als „die Menschheit“ –  wird durch Anschläge, Massenmorde, Massaker o. Ä. bedroht. Unter den Mittellosen herrschen zwei weitere, konkurrierende Subjektivitätstypen. Zum einen der Typ der die Sehnsucht nach dem Westen, „Wunsch nach Besitz und Teilhabe an allem, was als westlicher Wohlstand dargestellt und überall angepriesen wird“ (S. 44). Zum anderen der nihilistische Typ, geprägt von der Sehnsucht nach Rache und Zerstörung „durch Weggang und Nachahmung“(S. 44) – beispielhaft repräsentiert durch Gruppierungen wie den IS.

Darüber hinaus geht Badiou auf den modernen Faschismus ein, der für ihn die populäre Subjektivität des Kapitalismus ausmacht, da keine anderen Gegenentwürfe für die Welt dargelegt würden. Der Faschismus biete aussichtslosen jungen Männern eine westliche Wunschbefriedigung und zusätzlich Momente „schönen Lebens“ (S. 49). Nicht die Religion, sondern die Sehnsucht nach dem Westen ist der eigentliche Kern. Der moderne Faschismus stellt eine Mischung aus heroisierenden und kapitalistischen Wunschbefriedigungen dar, wobei die Religion allgemein identitätsstiftende und antiwestliche Effekte hat. Badiou betont: „(…) die Faschisierung islamisiert, nicht der Islam faschisiert“ (S. 50).

Grund für das Pariser Massaker am 13. November 2015 ist für Badiou Nihilismus, der durch das eigene Unbehagen angetrieben wird – denn wenn das eigene Leben (im westlichen Kapitalismus) nicht zählt, ist auch das der Anderen nichts wert. Hier wird der Todestrieb auf seine Spitze getrieben: „(…) am Ende bleibt weder Opfer noch Mörder“ (S. 52). Der Westen reagiert mit einem „Krieg gegen Barbaren“ (S. 52), also gegen Unzivilisierte, obwohl gerade die westliche Welt durch technische Massenmorde und Kriege bereits unzählige unschuldige Menschen (barbarisch) ermordet hat.

Ferner kritisiert der Autor die Reaktion Frankreichs auf das Massaker von Paris und die Forderung nach dem Schutz der „eigenen Werte“, wobei die französische Identität heute „ein bisschen von allem“ (S. 57) und nicht signifikant sei. Am ehesten werde sie „über die Verfolgung derer, die der eigenen Identität nicht entsprechen“ (S. 57), definiert. Frankreich gehe durch diskriminierende Gesetze gegen weniger privilegierte Gruppen vor und verurteile gleichzeitig die Realitäten, die durch diese Bestimmungen entstehen: „Diese Leute werden verteufelt, dabei hat der französische Kapitalismus ihre Armut zu verantworten.“ (S. 56) Gleichzeitig nehme Frankreich Stellung zu den weltweiten Migrationsbewegungen, die es als Teil des globalen Kapitalismus selbst mit verursacht.

Abschließend plädiert Badiou für eine „internationale, (…) transnationale Denkweise, die der kapitalistischen Globalisierung gewachsen ist“ (S. 59). Er ruft dazu auf, nicht mehr wählen zu gehen und der Regierung keine Beachtung mehr zu schenken. Die Faschisierung werde durch kapitalismusunkritische Politik erleichtert und dürfe demnach nicht unterstützt werden, argumentiert er. Abschließend fordert Badiou ein gemeinsames Finden von Lösungen aller Subjektivitätstypen und die Erschaffung eines vierten Typs, „(…) der die Herrschaft des globalisierten Kapitalismus hinter sich lassen will, ohne sich im Nihilismus einzurichten, dem mörderischen Avatar der Sehnsucht nach dem Westen.“ (S. 63). Laura Untner

Bei Amazon kaufenBadiou, Alain: Wider den globalen Kapitalismus. Für ein neues Denken in der Politik nach den Morden von Paris. Berlin: Ullstein, 2016. 64 S., € 7,- [D], 7,20 [A] ; ISBN 978-3-550-08152-1

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