Inselreich in Bewegung

In mehreren Büchern hat sich die österreichische Journalistin und Japanologin Judith Brandner mit den Ereignissen des 11. März 2011, der Reaktorkatastrophe von Fukushima, auseinandergesetzt. Ihr neues Buch erweitert den Fokus: Es handelt von den „drei einschneidenden Ereignissen, die das moderne Japan geprägt und zu dem Land gemacht haben, das es heute ist“ (S. 10): der Öffnung gegenüber dem Westen im 19. Jahrhundert, den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im 20. Jahrhundert und – erneut – der Atomkatastrophe in Fukushima zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Während das Kapitel über Japans „Aufbruch in die Moderne“ sich an historische Abhandlungen hält, stützt sich Brandner bei Japans Atomkatastrophen vornehmlich auf eigene Recherchen. Ihr Hauptinteresse gilt der Frage, wie Japan mit den traumatischen Ereignissen umgeht. In der Tradition von Robert Jungk, der mehrmals erwähnt wird, spricht Brandner mit unterschiedlichen Personen: etwa einem ehemaligen Mitarbeiter der Firma TEPCO, Gründer einer Gewerkschaft für Leiharbeiter in den Atomkraftwerken, oder einem Hotelbesitzer in der Nähe des zerstörten AKWs, zu dem kaum mehr Gäste an die Küste kommen und der sich jetzt mit Führungen durch das „Sperrgebiet“ über Wasser hält (die Autorin hat zweimal seine Dienste in Anspruch genommen). Zu Wort kommen auch Vertreterinnen von NGOs, die um Entschädigungen für die Opfer kämpfen, und Menschen, die sich für den Ausstieg aus der Atomenergie einsetzen, darunter auch der abgewählte Regierungschef Naoto Kan. Die neue Regierung der konservativen Partei wollte von einer dauerhaften Stilllegung aller japanischen AKWs nichts mehr wissen – laut Brandner Ausdruck der starken Atomlobby in Japan. Vielmehr werde versucht, eine neue Normalität vorzutäuschen, etwa mit der – für Brandner unverantwortlichen – Rücksiedlung von Menschen in verstrahlte Gebiete.

Die AKW-Katastrophe von Fukushima ist alle anders als bewältigt

Brandners Reportagen machen deutlich, dass die AKW-Katastrophe von Fukushima alles andere als bewältigt ist – weder technisch noch psychologisch. Der Umgang mit dem in Müllsäcke verfrachteten kontaminiertem Material, das derzeit im Umfeld des AKW auf Wiesen gelagert wird, ist ebenso ungelöst wie jener mit den Unmengen an kontaminiertem Wasser, das zur Kühlung der Schutzmäntel gebraucht wird. Die japanische Regierung erwägt die Erlaubnis der Einleitung ins Meer, was naheliegenderweise auf heftige Proteste der Betroffenen, etwa der Fischereiwirtschaft, stößt.

Die einfühlsam erzählten „Geschichten“ zeigen aber auch, wie die Reaktorkatastrophe Risse in der japanischen Gesellschaft hinterlässt. Die Opfer der Katastrophe werden gemieden wie Aussätzige, viele Ehen wurden geschieden, weil die besorgten Mütter mit ihren Kindern – anders als die Väter – das gefährdete Gebiet verlassen haben. Brandner kritisiert auch das offizielle Verdrängen und Schönreden, das etwa in den geplanten Olympischen Sommerspielen 2020 in Tokyo seinen Ausdruck findet.

Hiroshima und Nagasaki

Dieses Verdrängen führt zum nächsten Thema: den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Viele junge Japanerinnen wissen wenig über die Ereignisse von 1945, wie Brandner im Rahmen einer Gastvorlesung an der städtischen Universität Nagoya erfahren musste – und auch nichts über Robert Jungk, der Thema der Vorlesung war. Die Autorin brachte die Studierenden dazu, in ihren Familien zu recherchieren, sie sprach aber auch mit Menschen, die sich aufgrund eigener traumatischer Erfahrungen der Friedensbewegung angeschlossen haben, etwa Setsuko Thurlow. Sie hat als 13-Jährige die Bombe auf Hiroshima überlebt und durfte 2017 mit ICAN, der Internationalen Kampagne zur Abschaffung der Atomwaffen, den Friedensnobelpreis entgegennehmen.

Zur Spra­che kommen schließlich in diesem Abschnitt die US-Zensur nach den Atombombenabwürfen (niemand in Japan durfte darüber schreiben), die erst vor Kurzem wiederaufgeflammte Debatte darüber, dass auch in Japan damals an der Entwicklung von Atomwaffen geforscht wurde, sowie Bestrebungen mancher Politiker, Japan heute zur Atommacht zu machen, um China Paroli bieten zu können.

Ein wichtiges Buch, das die Hybris der Atomtechnologie in Erinnerung ruft, das aber auch über die japanische Gesellschaft von heute viel zu sagen weiß. So ließe sich der in einigen Abschnitten geschilderte Übergang von der japanischen Unternehmenskultur einer starken Bindung der Belegschaften hin zu einem strikt neoliberalen Kurs als Reaktion auf den Verlust der Industrievormachtstellung in der Region als vielleicht vierte einschneidende Zäsur des Landes bezeichnen – mit der Ausbreitung eines Prekariats, in dem heute viele junge Japaner und Japanerinnen leben müssen, neben der Überalterung ein zentrales Problem aller spätindustrieller Gesellschaften.

Von Hans Holzinger

Judith Brandner: Japan. Inselreich in Bewegung. Residenz Verlag, Salzburg  2019; 221 S.

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