Ervin Laszlo, Philosoph, Naturwissenschaftler und Systemforscher, zählt heute unumstritten zu den bedeutendsten Zukunftsdenkern. Als Präsident des "Club of Budapest" der in Nachfolge und Fortführung der Arbeit des "Club of Rome" insbesondere auch Künstler - etwa Gidon Kremer, Liv Ullmann oder Sir Peter Ustinov - mit herausragenden Vertretern der Natur- und Geisteswissenschaften zusammenführt, hat er mit dem hier vorliegenden Band so etwas wie eine Bilanz des zu Ende gehenden Jahrhunderts gezogen und Perspektiven für eine im umfassenden Sinne menschliche Zukunft entwickelt.

Würden wir wie ”Lucy" die vor rund 5 Mio. Jahren von den Bäumen gestiegene afrikanische Hominidenfrau leben, von der man annimmt, daß sie die Urmutter des modernen Menschen ist, so könnten 50-100 Mrd. Menschen auf diesem Planeten ein erträgliches Dasein fristen. Ein Kind der in den USA zu Ende dieses Jahrhunderts geborenen "Millers" - für viele der Inbegriff angemessenen Lebens - wird jedoch im Verlauf von 80 Jahren 8.000.000 Kilowattstunden Strom, 2,5 Mio. Liter Wasser, 21 t Benzin, 220.000 Kilo Stahl, das Holz von 1000 Bäumen verbraucht und 60t Hausmüll produziert haben (S. 29) - weit mehr als die Kapazität der Erde bereithält. Es geht also, wie Laszlo anhand zahlreicher Beispiele überzeugend ausführt, darum, die "neolithische Illusion" von der Unendlichkeit des uns umgebenden Raums und der verfügbaren Ressourcen zu überwinden und „moderne Mythen" über Bord zu werfen. Zu ihnen zählt der Autor u. a. „das Gesetz des Dschungels" (Sei aggressiv, oder Du gehst unter), die Theorie der "Unsichtbaren Hand" (Wenn es mir materiell gut geht, so geht es allen besser), den "Effizienz-Kult" (Hole aus allen und allem das Maximum) und den "technologischen Imperativ" (Was produziert werden kann, muß produziert und gewinnbringend verkauft werden) [So50ff.]. An deren Stelle müßten und werden - so Laszlos Überzeugung - im dritten Jahrtausend unserer Zeitrechnung "neue Imperative" treten, die er im zweiten Teil des Bandes näher beschreibt.

Für den einzelnen gehe es darum „global zu denken und verantwortlich zu leben“; wobei das Spektrum von sinnerfüllter und weniger (bezahlter) Arbeit bis hin zu bewußtem Konsumverhalten reicht. In wirtschaftlichen Zusammenhängen plädiert Laszlo für eine verantwortungsbewußte Unternehmenskultur Iin der Kooperation an die Stelle von Konkurrenz tritt und ein Ausgleich zwischen Arm und Reich Platz greift (derzeit beschäftigen die 500 größten Unternehmen nur 0,05 Prozent der Weitbevölkerung, kontrollieren jedoch 70 Prozent des Welthandels, 80 Prozent der direkten Auslandsinvestitionen und 25 Prozent der WeItproduktion (S. 70). Die Politik sei gefordert „sich hohe Ziele zu setzen"; der Nationalstaat, so Laszlo, müßte Kompetenzen wie Bildung, Arbeitsmarktpolitik sowie soziale und ökonomische Gerechtigkeit einerseits ‚an die Basis verlagern'; Fragen der Sicherheit und des Friedens andererseits auf höhere Ebenen transferieren. Den Weg "von der Koexistenz zum kooperativen Miteinander" (der „Interexistenz") sieht Laszlo als Aufgabe der Völker und Kulturen insgesamt und schildert der dritte Teil seiner Ausführungen - drei Quellen seiner Vision einer kreativen, bewußten menschlichen Evolution: Wissenschaft, Kunst bzw. Religion sowie "alternative Kulturen': Der Anhang des faktenreichen und appellativen Buchs enthält ein vom „Club von Budapest" verabschiedetes „Manifest über die planetarische Verantwortung“:

Wenngleich kritische Prüfung erforderlich und kritischer Einwand im Detail - etwa zur Rolle des Staates - zu erwarten sind: Ein weiterer wohlgemeinter und wichtiger Aufruf, das Richtige zu tun, solange wir dazu noch in der Lage sind.


W Sp.

Laszlo, Ervin: Das dritte Jahrtausend. Zukunftsvisionen. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998. 199S. DM / sFr 14,80/ ÖS 115,50