Noch fahren 80 Prozent der Pkw in Nordamerika, Europa und Japan. Doch das Auto, Statussymbol einer mobilen Gesellschaft in den Industriestaaten, setzt seinen Siegeszug auch in den wirtschaftlich aufstrebenden Ländern des Südens fort - und verschärft damit einmal mehr die globale ökologische Krise. Klaus Boldt hat die Ergebnisse einschlägiger Studien in einer wertvollen Übersicht dargestellt. Der Autobestand wird, so etwa die Vorhersage des Heidelberger Umwelt- und Prognoseinstituts (UP!), bis zum Jahr 2030 um das 4,5-fache auf 2,3 Mia. steigen. Die Zahl der jährlich produzierten bzw. neu zugelassenen Pkw soll von gegenwärtig 50 Mio. auf 235 Mio. im Jahr 2030 anwachsen. Nun kann der Westen den "Entwicklungsländern" kein Mobilitätsmodell verweigern, das er selbst vorlebt. Boldt referiert daher zunächst Reformnotwendigkeiten und -vorschläge für eine zukunftsverträgliche Mobilität   17 bei uns, macht aber in der Folge insbesondere deutlich, wie das Auto zur „Entwicklungsfalle" für die Mehrzahl der Menschen in den Ländern des Südens wird. Während dieses auf absehbare Zeit ohnedies begrenzten Oberschichten vorbehalten bleiben wird, treffen die ökologischen und sozialen Folgen des „Autobooms" aber alle. In Shanghai beschlossen Stadtplaner, an die 100.000 Menschen umzusiedeln, um Platz für Straßen und Autos zu schaffen. Weil sie den Autoverkehr aufhalten, sind Fahrradrischkas in Manila, Jakarta. Dhaka, Phnom Penh und Kalkutta verboten oder zum Teil aus dem Verkehr gezogen worden. Im Jahr 2030 werden Straßen und Parkplätze weltweit eine Fläche einnehmen, von der rund 80 Mio. Menschen ernährt werden könnten. Die dramatischsten Belastungen sind dabei für die Megastädte zu erwarten, daß es auch beispielhafte Projekte für eine nachhaltige Mobilitätsentwicklung im Süden gibt, zeigt der abschließende Teil des Beitrags. So setzte z. B. die Stadtverwaltung der brasilianischen Stadt Curitiba dem Individualverkehr ein Straßennetz entgegen, auf dem ausschließlich Gelenkbusse fahren. Der Stadtstaat Singapur hat nicht nur ein modernes U-Bahnsystem geschaffen, sondern auch den Autoverkehr stark verteuert. Kuba machte aus der Not eine Tugend und setzt seit den ausbleibenden Öllieferungen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion voll auf das Fahrrad. Der Autor schildert auch Fahrradprojekte in Afrika, die von europäischen NGOs unterstützt werden. Wer über Internet-Zugang verfügt, findet in diesem informativen Bericht, der uns die Probleme einer sich globalisierenden Automobilität allzu bewußt macht, einen weiteren Service, nämlich Web-Adressen. unter denen mehr über "zukunftsfähige Mobilität" zu erfahren ist H. H.

Boldt; Klaus: Zukunftsfähige Mobilität. Chancen einer neuen Verkehrspolitik im Norden und Süden. In: epd Entwicklungspolitik. 1997. Nr. S. S. 78-28