Moderne städtische Verkehrspolitik ist im wesentlichen drei Zielen verpflichtet: Denn glaubt man den Experten - und ein Stück weit auch der eigenen Vernunft - so gilt es, den Gebrauch des Automobils zu beschränken, die Attraktivität des öffentlichen Verkehrs zu erhöhen und die "Stadt der kurzen Wege" zu realisieren. Die Rezepte sind sattsam bekannt, sie werden eifrig beworben und sind doch, von Ausnahmen abgesehen, alles andere als erfolgreich. Selbst in ”Vorzeigestädten" wie Zürich oder Freiburg/Br. ist die Zahl der Zulassungen privater Fahrzeuge, so berichten die Berliner Verkehrsforscher Weert Canzler und Andreas Knie in dem hiervorgestellten Buch, zuletzt deutlich gestiegen. Führt die kritische Verkehrsforschung also geradewegs in die Sackgasse? Die beiden Autoren haben es unternommen, die Hintergründe dieser Entwicklung zu hinterfragen, indem sie vier vermeintliche ”Gewißheiten" der Verkehrsplaner einer kritischen Prüfung unterziehen. So kommen sie zu dem Ergebnis, daß die der Verkehrsplanung zugrunde liegende Annahme

- 1. "Gewißheit" - von durchschnittlich 3,5 Wegen pro Tag, die in einer Stunde (bei stetig steigenden Kilometerleistungen und demnach schnelleren Fortbewegungsmitteln) zurückgelegt werden, empirisch nicht zu halten ist. U. a. deshalb, weil die ”Selbstreferentielle Beweisführung der Verkehrsforschung" mit einer Reihe von Fehlern behaftet ist (indem sie beispielsweise die Rolle des Fußgängers ausblendet - und dementsprechend dessen Bedürfnisse bei der Planung so gut wie unberücksichtigt läßt).

Mit der Förderung des öffentlichen Verkehrs

- 2. "Gewißheit" - ist so die Autoren weiter, ebenfalls nicht zu punkten, da rollende”Großgefäße" (Relikte der fordistischen Produktionsweise") der "fortschreitenden Pluralisierung von Lebensstilen und Lebenslagen" nicht gerecht werden. Zudem verlocke ein gasbetriebener Bus oder ein architektonisch reizvoll gestaltetes Wartehäuschen kaum dazu, auf den eigenen Wagen zu verzichten. Die Krise des öffentlichen Verkehrs (ÖV) ist demnach primär eine institutionelle, der ÖV drohe mithin zur sozialpolitischen Maßnahme, zum ”Restverkehr" für jene zu degenerieren, "die sich kein eigenes Auto leisten können".

Die These von der sinkenden Attraktivität des Automobils

- 3. "Gewißheit" - kontern die Autoren u. a. mit einer Reihe von Zahlen: so ist allein in Deutschland die Zahl der Neuzulassung von Pkw 1996 gegenüber dem Vorjahr um 5,9 Prozent gestiegen (S.75); die Konzentration der Autohersteller auf das ”Kerngeschäft" und die Gewinnung neuer Kunden (Frauen, Senioren), technische Innovationen - etwa in der Erprobungsphase befindliche Verkehrsleitsysteme wie STORM (Stuttgart) oder COMFORT (München) - sowie nicht zuletzt auch die ”Leidensfähigkeit der Autolenkerinnen und Autolenker" (S.83) würden der Branche auch in Zukunft satte Gewinne bescheren.

Nicht zuletzt sei "die Stadt der kurzen Wege"

- die 4. "Gewißheit" - alles andere als ein Königsweg der modernen Verkehrsplanung, da ihm "der stabile Traum vom 'Häuschen im Grünen" entgegenstehe und der Trend zur Entflechtung von Arbeiten und Wohnen, Einkaufen und Freizeit weiterhin anhalte (S.100).

Canzler und Knie begnügen sich keineswegs damit, über den liebgewonnen, aber offensichtlich unhaltbaren Annahmen ihrer Kollegen zu Gericht zu sitzen. Sie plädieren vielmehr dafür, der unabdingbaren "Verkehrswende" eine ”Denkwende" vorangehen zu lassen.

Der Vorschlag, zwischen Mobilität als "Bewegung im möglichen Raum" (horizontal wie auch vertikal) und Verkehr als "Bewegung im konkreten Raum" zu unterscheiden und somit die Verkehrspolitik zu ”Re-kontextualisieren" sollte dazu ebenso Impulse setzen wie das an dieser Stelle erstmals vorgestellte Modell CASH/Car: Benützerinnen von Leihwagen wird so die Möglichkeit geboten, "ihr" Auto während längerer Stehzeiten (etwa während des Urlaubs oder einer Geschäftsreise) weiterzuvermieten.

Wenn, wie Canzler und Knie treffend feststellen, Mobilität und Verkehr tatsächlich "Schmiermittel der Demokratie" (S. 121) sind, dann sind nicht nur Verkehrsplaner und -politiker, sondern im Grunde wir alle gefordert, Wege aus der alltäglichen Verkehrs-Misere zu finden. Dieser Band leistet dazu einen wesentlichen Beitrag.

W Sp.

Canzler, Weert; Knie, Andreas: Möglichkeitsräume. Grundrisse einer modernen Mobilitäts- und Verkehrspolitik. Wien (u.a.): Böhlau, 1998. 156 S., DM 36,/ sFr 33,- / öS 248,-