Eloise Rickman

Wie wir die Rechte unserer Kinder stärken in einer Welt, die für Erwachsene gemacht ist, und warum das die Sache für alle besser macht

Ausgabe: 2026 | 1
Wie wir die Rechte unserer Kinder stärken in einer Welt, die für Erwachsene gemacht ist, und warum das die Sache für alle besser macht

Vom etwas langatmigen Titel des Buches von Eloise Rickman sollte man sich nicht abschrecken lassen: das Buch ist leicht lesbar und ein klares und dazu radikales Plädoyer für mehr Rechte für Kinder, weltweit.

Über die Autorin selbst ist nicht sehr viel mehr zu erfahren, als dass sie einen Abschluss in Sozialanthropologie von der Universität Cambridge hat, derzeit einen Master zu Kinderrechten an der University of London macht und in der Erziehungsberatung tätig ist.

Die beiden ersten Kapitel spannen den Bogen des Buches auf. Zunächst geht es um die Begrifflichkeit von Kindheit und wie sich diese im Laufe der Zeit entwickelt hat, mit besonderer Betonung der in jeder Beziehung zwischen

Erwachsenen- und Kinder-Welt wirksamen Machtdynamiken. „Für mein Verständnis der Emanzipation der Kinder zentral ist der Gedanke, dass Kinder ihren Eltern genauso wenig gehören wie eine Ehefrau ihrem Mann. Nur weil sie finanziell von den Erwachsenen abhängig sind, die sie versorgen, heißt das nicht, dass wir sie kontrollieren dürfen“ (S. 42).

Das Kapitel 2 fasst unter dem Begriff des „Adultismus“ die „strukturelle Diskriminierung und Unterdrückung von Kindern durch Erwachsene sowie die gesellschaftliche Bevorzugung von Erwachsenen“ (S. 46) zusammen und gibt einen ersten Überblick über systematische Formen der Diskriminierung von Kindern, wie etwa bei Maßnahmen der Bestrafung von unerwünschtem Verhalten durch Eltern oder Lehrer. Als Gegenentwurf für den Adultismus gilt der Autorin die „Kinderemanzipation“ (S. 55).

Ein wichtiger Hebel für die gewünschte Emanzipation von Kindern ist die UN-Kinderrechtskonvention (KRK) von 1989, welche leider immer noch wenig bekannt ist. Die KRK sichert Kindern drei Kategorien von Rechten zu, Versorgungsrechte, Schutzrechte sowie Rechte auf Teilhabe, welche für alle Menschen, die mit Kindern zu tun haben, wichtig sind: „Sie verpflichten dazu, die Meinungen von Kindern anzuhören und, wenn möglich, danach zu handeln“ (S. 81).

Die Kapitel 4 bis 8 behandeln unterschiedliche Felder, in denen Kinder mit der von Erwachsenen ausgeübten Macht und deren Zwängen leben müssen. Themen sind der individuelle und auch gesellschaftliche Umgang mit dem kindlichen Körper, die elterliche Erziehungsarbeit sowie die Wirklichkeit in frühkindlichen Betreuungseinrichtungen. Die Autorin beschreibt nicht nur problematische Realitäten, sondern macht auch zahlreiche Vorschläge für Veränderungen auf individueller und kollektiver Ebene.

Gesellschaftspolitische Aspekte spielen vor allem im Kapitel 7 (Titel: „Mit Absicht schaden“) eine große Rolle, das sich um das Thema Kinderarmut dreht, einer oft existenziellen Einschränkung von Kinderrechten. Dabei ist zu berücksichtigen, „dass es immer Kinder sind, die den Preis für Kürzungen der Sozialleistungen zahlen“ (S. 197), da sie von ihrem erwachsenen Umfeld ökonomisch abhängig sind.

Das Kapitel 8 beleuchtet die Institution Schule, die für viele Kinder nicht unbedingt ein Ort der Geborgenheit und interessanter Lernerfahrungen darstellt, sondern oft auch negative Herausforderungen wie Rassismus, Mobbing, den Stress durch permanente Bewertungen oder die Überforderung durch zu viele Hausaufgaben darstellt. Hier bräuchte es alternative Ansätze, von denen die Autorin auch einige beschreibt.

Den Höhepunkt des Buches bilden die zwei letzten Kapitel. Kapitel 9 setzt die Klimakrise ins Zentrum, und beschreibt diese als „eine Kinderrechtekrise von nie da gewesenem Ausmaß“ (S. 256). Auch hier macht die Autorin eine Reihe von Vorschlägen, wie man als Einzelner bzw. als Gruppe von Menschen aktiv werden kann.

Kapitel 10 („Wahlrecht für Kinder“) bildet den wahrhaft spannenden, zu Widerspruch reizenden, Abschluss des Buches. Angesichts immer älter werdender Bevölkerungen und der damit verbundenen schwindenden Repräsentation von Kinder-Perspektiven braucht es für die Autorin neue grundsätzliche Überlegungen zum Wesen der Demokratie. Dabei geht es nicht um die vielerorts bereits umgesetzte Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre, sie kann sich eine viel weiter gehende Absenkung vorstellen, bis zum Alter von 10 Jahren, ja bis zu 6 Jahren. Die den meisten von uns reflexartig in den Sinn kommenden Argumente dagegen vergleicht sie mit den ehemals vorgebrachten Argumenten gegen das Wahlrecht für Frauen oder Schwarze in den USA, wie fehlende politische Kenntnisse oder auch mangelnde Lese- und Schreibfähigkeit. 

Zur Entkräftung dieser (zu?) schnellen Gegenargumente verweist die Autorin auf vielfältige politische Prozesse (S. 297ff.), in denen Kinder und Jugendliche zentrale Rollen gespielt haben bzw. spielen, wie zum Beispiel die Kinder-Arbeiterbewegung in Peru, der Aufstand im Iran 2022, Kinderparlamente in Indien. Alles in allem, ein wichtiger Aspekt der Generationengerechtigkeit, der uns in den kommenden Jahren sicher stark beschäftigen wird.