
Bereits mit dem Buchtitel „Gesellschaft der Minderheiten. Leben in der Superdiversität“ greifen die Autor:innen Maurice Crus und Frans Lelie ein strittiges Thema auf: den Einfluss von Migration auf bestehende Gesellschaften, denn „die Lebenswirklichkeit in den von uns untersuchten Großstädten zeigt, dass Diversität längst ein Faktum ist und weiterbestehen wird, ganz gleich, ob Länder nun schärfere Einwanderungsgesetze einführen oder nicht“ (S. 9). Die im Buch dargestellten Analysen diverser Gemeinschaften basieren auf der von den beiden Autor:innen entwickelten Studie „Becoming a Minority“, in der sechs europäische Städte untersucht wurden, die bereits als „Minderheiten-Städte“ (S. 65) angesehen werden oder sich an der Schwelle dorthin befinden. Im Buch beziehen sich Crul und Lelie häufig auf Hamburg, darüber hinaus wurden aber auch Wien, Malmö, Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen ausgewählt. Als Minderheiten-Städte gelten Städte, in denen es keine klassische Mehrheitsgruppe mehr gibt. Und hier kommt der im Untertitel verwendete Begriff der Superdiversität ins Spiel. Superdiversität wurde ursprünglich vom am Max-Planck-Institut forschenden Anthropologen Steven Vertovec geprägt und soll verdeutlichen, dass „Bewohner der superdiversen Stadt ihre Wurzeln in einer großen Vielzahl von Orten auf der ganzen Welt haben, von denen sie eine große Vielfalt von Sprachen, Religionen, Alltagsgewohnheiten und Bräuchen mitgebracht haben“ (S. 38). Eine Stadt oder ein Viertel besteht also aus vielen kleinen diversen Gruppen und nicht mehr aus zwei Blöcken, den Einheimischen und den Zugewanderten.
Den Autor:innen zufolge ist das alte beziehungsweise im Grunde noch bestehende Integrationskonzept mit Blick auf gegenwärtige demographische Bedingungen nicht mehr sinnvoll. Während das klassische Konzept von Integration darauf abzielte, kleine Gruppen in eine Mehrheitsgesellschaft zu integrieren, „besteht die neue Idee der Integration darin, dass alle lernen müssen, in einer superdiversen Gesellschaft zu leben und sich darin zugehörig und zu Hause zu fühlen“ (S. 58). Mit diesem Perspektivenwechsel werden auch für die Migrationsforschung andere Faktoren relevant, anstatt sich weiterhin ausschließlich auf die Untersuchung der Menschen mit Migrationsgeschichte zu konzentrieren, plädieren die Autor:innen dafür, jene Personen ohne Migrationshintergrund zu untersuchen. Dieser neue Fokus ist aus zwei Gründen relevant: Zum einen, weil auch in superdiversen Gemeinschaften häufig Menschen ohne Migrationshintergrund in Positionen sitzen, welche die Angebote und das Zusammenleben von Städten prägen und andererseits um herauszufinden, wie es den Menschen denn tatsächlich geht, denn als Minderheit im eigenen Land zu leben wird häufig als Drohung verwendet. Tatsächlich aber bestätigten zwei Drittel der Befragten, „dass Diversität ein normaler Teil des täglichen Lebens in ihrem Wohnumfeld darstellt“ (S. 66). Ebenfalls um die zwei Drittel gaben an, dass sie eine diverse Nachbarschaft als bereichernd empfinden und ihr Viertel als Beispiel ansehen, wie eine Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte. Demgegenüber fühlen sich nur 15 Prozent der Studienteilnehmer:innen als Fremde im eigenen Viertel und eine „überwiegende Mehrheit“ (S. 67) gibt an sich im Viertel sicher zu fühlen. Die Studie zeigt auch auf, wo die Unterschiede zwischen denjenigen, die sich durch Migration bedroht fühlen und denjenigen mit einer positiven Einstellung liegen. Letztere hat „nicht aufgegeben“ und sich den „neuen“ Mentalitäten angepasst, sondern geht vielmehr pragmatisch mit den Unterschiedlichkeiten um.
Die Kunst des erfolgreichen Zusammenlebens
Abschließend führen die Autor:innen Mechanismen für eine gelingende Praxis des Zusammenlebens an. Es ist wichtig, diejenigen, die in der Vielfalt eine Bedrohung sehen, ernst zu nehmen und zugleich Begegnungsangebote zu schaffen, die im Rahmen der Interessen dieser Gruppe liegen. Also statt eines Festes der Vielfalt können Begegnungen im gemeinsamen Einsatz für ein sauberes Viertel oder einen Fußballplatz entstehen. Authentischer Kontakt ist aber auch für die Gruppe der positiv eingestellten Menschen wichtig, denn diese Gruppe pflegt zwar rein oberflächlich freundschaftlich-nachbarschaftliche Beziehungen, hat im Alltag aber auch stets Angst, etwas Falsches zu sagen. Von gemeinsamen Aktionen profitieren folglich alle. Ein weiterer Faktor sind sogenannte Brückenbauer:innen vor Ort, also Menschen aus der Gemeinschaft, die unterschiedliche Gruppen zusammenbringen können. Darauf aufbauend betonen die Studienautor:innen den Einfluss von Menschen in Schlüsselpositionen, von Schulleiter:innen bis hin zu Hausärzt:innen. Schließlich spielt auch die Gestaltung von Begegnungsräumen eine Rolle: Saubere, einladende Gemeinschaftsräume oder Parkanlagen können eine erfolgreiche Praxis des Zusammenlebens fördern.








