Rosa Lyon

Mehr als Geld

Ausgabe: 2026 | 1
Mehr als Geld

Bereits der Buchtitel „Mehr als Geld“ weist darauf hin, dass Ungleichheit weit komplexer ist, als unterschiedlich hohe Vermögen und Einkommen –  zwischen sowie innerhalb von Ländern. Darüber hinaus, so die Autorin Rosa Lyon, geht es den Menschen weltweit besser als je zuvor. So ist beispielsweise der Anteil derjenigen, die in absoluter Armut leben, weltweit von „94 Prozent im Jahr 1820 auf rund 10 Prozent im Jahr 2023 gefallen“ (S. 16). Und doch bleibt die Wahrnehmung, dass Vermögen und Chancen zunehmend ungleich verteilt werden bestehen und das zu Recht: Mit Blick auf die Vermögensstruktur etwa zeigt sich, dass Krisen wie die Pandemie nicht zu einer Reduktion der Vermögensungleichheit führen, sondern es vielmehr zu einer Verteilung von unten nach oben kommt. „Staatseingriffe retten immer wieder das Vermögen der Reichen und tragen zur Wahrung der Ungleichheit bei“ (S. 17). Eine Umverteilung nach oben hin findet jedoch nicht nur in Krisenzeiten statt, paradoxerweise profitieren auch bei strukturellen Verbesserungen wie im öffentlichen Verkehr oder  auch bei Subventionen wie der Pendlerpauschalen oder Bildungskarenz tendenziell besser verdienende Personen stärker.

Warum? Von einem Ausbau der öffentlichen Anbindung profitieren vor allem Grundeigentümer:innen durch den steigenden Wert ihrer Immobilien und auch Subventionen wie die Bildungskarenz „werden vornehmlich von wohlhabenderen Menschen in Anspruch genommen und von der Allgemeinheit finanziert“ (S. 18). Über Ungleichheit zu sprechen bleibt also nicht nur kompliziert sondern wird vielleicht sogar unangenehm, denn für den Ökonomen „Branko Milanovic‘ steht fest, dass Ungleichheit so sehr tabu ist, dass allein das Wort auszusprechen schon problematisch sein kann. Dieses Tabu entsteht, weil das Ansprechen von Ungleichheit unweigerlich Fragen nach der Verteilung von Ressourcen, Macht und Privilegien sowie Fragen nach deren Legitimität aufwirft und damit nicht nur die bestehende Ordnung, sondern auch persönliche, gruppenspezifische und nationale Interessen in Frage stellt“ (S. 15).

Braucht es eine Obergrenze?

Das Buch konzentriert sich zwar stark auf eine umfassende Darstellung und Kontextualisierung von Ungleichheit in unserer Gesellschaft, aber nicht ausschließlich. Die Autorin thematisiert auch die Frage, wie wir Ungleichheit begegnen können und spricht die Option einer Begrenzung von Reichtum an. Hier verweist sie auf die belgische Ökonomin Ingrid Robeyns, welche für eine Obergrenze von Reichtum ab etwa 10 Millionen Euro plädiert, da das Vermögen ab dieser Grenze zur „reinsten Verschwendung wird“ (S. 138). Darüber hinaus betont der österreichische Ökonom und Psychotherapeut Martin Schürz, dass die Frage von Umverteilung und Obergrenzen nicht nur rein ökonomisch beantwortet werden kann, zu sehr beeinflussen uns auch Werte, Interessen und Gefühle. Diese Faktoren erklären auch, warum viele Menschen mit durchschnittlichem und geringem Einkommen gegen Maßnahmen zur Umverteilung sind. Wer folglich optimistischer auf die eigene soziale Mobilität blickt, ist eher gegen Umverteilungsmaßnahmen. Abschließend lässt sich festhalten, dass die Autorin ihrem Ziel, mit dem Buch einen Beitrag zu einer sachlichen und differenzierten gesellschaftlichen Debatte über Ungleichheit zu leisten, geglückt ist.