
„Disability Intimacy“ ist eine vielstimmige Anthologie über Nähe, Abhängigkeit, Begehren und Verbundenheit. Herausgegeben von der im November 2025 verstorbenen Aktivistin und Medienmacherin Alice Wong versammelt der Band Essays und Gedichte, die Intimität nicht definieren, sondern erfahrbar machen. Das Buch ist von Zärtlichkeit durchzogen und versteht sich als Einladung, Intimität neu zu denken. Die Beiträge sind in vier Abschnitte gegliedert: „Love & Care“, „Pleasure & Desire“, „Creativity & Power“ sowie „Everything & Everywhere“. Gemeinsam ist ihnen ein Verständnis von Intimität, das über das Private hinausweist. Behinderung erscheint hier nicht als Defizit, sondern als Teil menschlicher Erfahrung, der Einsichten in Machtverhältnisse und Verbundenheit ermöglicht. Besonders eindrücklich ist der Essay von Emilie L. Gossiaux, die nach einem Unfall blind wurde und die enge Verbindung zu ihrem Assistenzhund beschreibt. Während sie von außen oft auf das „girl with the dog“ reduziert wird, erlebt sie sich selbst in der Verschmelzung mit ihm als „super-being“ (S. 248). In ihrer Kunst versucht sie, Hierarchien zwischen behinderten und nichtbehinderten Menschen ebenso zu unterlaufen wie jene zwischen Mensch und Tier. Naomi Ortiz verknüpft Behinderungserfahrung mit der Klimakrise. „We now live in a disabled world“ (S. 253), schreibt sie, und betont Verletzlichkeit als zentrale Befähigung zur Anpassung. Klimakrise sei keine „I“- sondern eine „We“-Situation (S. 256). Während Ableismus auf dem Wunsch gründet, Verwundbarkeit auszublenden und damit Konkurrenz statt Solidarität fördert, macht Behinderung Unsicherheit und Abhängigkeit als grundlegende menschliche Bedingung sichtbar – das macht sie politisch und sozial bedeutsam. Sie wird so zu einem politischen Wissen, das kollektives Handeln ermöglicht. Einen anderen Zugang wählt Sami Schalk, die beschreibt, wie Pleasure Art, Selbstinszenierung und Lust ihr Selbstachtung und Handlungsmacht zurückgeben. Gegen Desexualisierung und Beschämung setzt sie die bewusste Beziehung zum eigenen Körper. „Your life’s art and pleasure is the point“ (S. 177), schreibt sie – und ermutigt dazu, Pleasure Art als Praxis der Befreiung zu denken. „Disability Intimacy“ zeigt, dass Nähe dort entsteht, wo Verletzlichkeit und Abhängigkeit nicht verleugnet, sondern geteilt werden. Behinderung erscheint dabei als Erkenntnisform für ein anderes Wir – und öffnet den Blick auf Denken, Politik und Begehren jenseits ableistischer Normen.








