Dana Schmalz

Das Bevölkerungsargument

Ausgabe: 2026 | 3
Das Bevölkerungsargument

Die Rechtswissenschafterin Dana Schmalz legt mit ihrem Buch „Das Bevölkerungsargument. Wie die Sorge vor zu vielen Menschen Politik beeinflusst“ ein kompaktes und dennoch sehr weitreichendes Werk zur Genese des Arguments der Überbevölkerung vor. Mit dem 1798 erschienenen Essay „Das Bevölkerungsgesetz“ von Thomas Malthus lässt sich der Ausgangspunkt der modernen Bevölkerungsdebatte festlegen. Inhaltlich führte Malthus zu einer Kehrtwende in der Beurteilung von Wachstum. Während es bislang als erstrebenswert galt, als Staat eine wachsende, starke Bevölkerung zu haben, sah Malthus unter anderem die Ernährungssicherheit durch eine starke Bevölkerungszunahme in Gefahr. Und auch politisch fügten sich die Positionen des Priesters in die großen Fragen der Zeit ein: „Die Überzeugung, die Lage von Menschen sei kein Schicksal, sondern gestaltbar, besaß politische Sprengkraft, denn aus ihr wurden Forderungen nach Gleichheit abgebildet. Zugleich wies das neue Ideal der Selbstbestimmung den Einzelnen aber auch Verantwortung für ihre Situation zu“ (S. 35). Im Sinne eben dieser Eigenverantwortung lässt sich das Argument von Malthus auch auf die Mikroebene herunterbrechen und als moralische Verurteilung von selbstverschuldeter Armut aufgrund zu vieler Kinder lesen. Malthus’ Thesen waren schnell auch über England hinaus bekannt und auch einflussreich, doch es gab auch Gegenstimmen, etwa von Friedrich Engels und Karl Marx. Nichtsdestoweniger führten auch die zunehmende Demokratisierung wie der Kolonialismus zu einem erhöhten Interesse an Bevölkerungsstatistiken und besonders „in den Kolonien wurden mit der Vermessung von Bevölkerung auch rassistische Theorien der weißen Überlegenheit aufgestellt“ (S. 47). So ist es wenig verwunderlich, dass sich Malthus‘ Überlegungen mit jenen von Francis Galton zur Eugenik in dem Anliegen überschnitten, die Geburten der schwächeren Gesellschaftsgruppen einzuschränken.

Wieder waren es Zeiten starker Wachstumsraten, welche den Fokus auf die Bevölkerungsentwicklung innerhalb der Vereinten Nationen ab den 1960er Jahren stärkten. In den Folgejahren wurden, auch aufgrund der Dekolonialisierung, zunehmend Zusammenhänge zwischen Bevölkerungswachstum und wirtschaftlichen, sozialen wie auch ökologischen Fragen gezogen. International nahm die Idee der Bevölkerungskontrolle erschreckende Ausmaße an, so führt die Expertin etwa das Sterilisationsprogramm in Indien an, wo zwischen 1951 und 1970 Sterilisationen unter Druck auf die Bevölkerung ausgeübt wurden. In Ghana wurden Unterstützungszahlungen der USAID an eine neu ausgerichtete Bevölkerungspolitik gekoppelt und die Ein-Kind-Politik in China ist wohl eine der bekanntesten Maßnahmen zur Einschränkung des Wachstums. „Der Fokus auf Bevölkerungswachstum stärkte ein Erklärungsmuster für die Persistenz globaler Ungleichheit und beeinflusste so andere Gerechtigkeitsdebatten, allen voran um die neue Weltwirtschaftsordnung“ (S. 79).

Die Expertin geht im Buch weiters auf gegenwärtige Interpretationen der Diskussion ein, zeigt feministische Perspektiven im Laufe der Zeit auf und entkräftet die Panikmache um Wachstum im globalen Süden im Kontext der Klimakrise, indem sie auf den Pro-Kopf-Emissionsverbrauch hinweist, welcher wenig überraschend im globalen Norden um ein Vielfaches höher ist. Abschließend verweist die Autorin auf ein absehbares Ende der Wachstumsperiode, die weltweit ansteigenden Programme zum Bevölkerungswachstum und betont, dass sich „demographische Sorgen oder Zielvorstellungen niemals auf den Wert auswirken [dürfen], der einem Menschen zugemessen wird“ (S. 155).