Emanuel Deutschmann

Die Exponentialgesellschaft

Ausgabe: 2025 | 4
Die Exponentialgesellschaft

Es gibt eine Vielzahl an Begriffen, die Spezifika unserer Gesellschaft betonen – Risikogesellschaft, Beschleunigungsgesellschaft oder Abstiegsgesellschaft lauten einige davon. Der Soziologe Emanuel Deutschmann hat nun einen weiteren Begriff geprägt: die Exponentialgesellschaft. Er hält die Wahrnehmung exponentieller Wachstumskurven für existenziell und plädiert dafür, diese auch in soziologischen Diskursen zu berücksichtigen: „Mein Vorschlag, die globale Gesellschaft heute als Exponentialgesellschaft zu begreifen, beruht auf der Beobachtung, dass im 21. Jahrhundert exponentielles Wachstum zentrale Bereiche dergestalt prägt, dass es den Fortbestand dieser Gesellschaft nicht nur in ihrer bisherigen Form, sondern überhaupt in Frage stellt“ (S. 15). Das ist eine große Ansage, doch Warnungen gibt es seit vielen Jahr, etwa durch die „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome aus 1972 oder durch die Studie „Great Acceleration“ aus 2015 sowie die laufend fortgeschriebenen „Planetary Boundaries“ des Stockholm Resilience Center.

Deutschmann gibt zunächst eine Einführung in den Unterschied von linearem und exponentiellem Wachstum (massives Ansteigen der Bestandsgrößen), um dann drei Kriterien für die Exponentialgesellschaft zu benennen: 1) mehrere zentrale Bereiche sind gleichzeitig von stark exponentiellen Entwicklungen geprägt, 2) sind diese so weit fortgeschritten, dass sie schwere Krisen auslösen und 3) sind diese miteinander verbunden und schaukeln einander auf. Deutschmann spricht daher von einem „Syndrom der Exponentialität“ (S. 27). In weiteren Kapiteln wird diese Exponentialität in den Bereichen der Ökonomie, Ökologie, Kommunikation; Mobilität, Demographie und am Beispiel der Corona-Pandemie erörtert. Neben krisenhaften Entwicklungen sieht Deutschmann dabei auch Potenziale, etwa im exponentiellen Ausbau von Erneuerbaren Energieträgern und dem entsprechenden Sinken der Preise dafür.

Stabilisierung als Zukunftsziel

Die allgemeine Steigerungsdynamik sei dem Kapitalismus eingeschrieben, nicht jedoch auf diesen beschränkt, vielmehr gäbe es Wechselwirkungen des „Mehr-bringt-Mehr-Mechanismus“ (S. 109) etwa mit Innovationen im Bereich der Technologien und Kommunikation. Ein Problem sei ebenfalls die „Kultur des exponentiellen Wachstums“ (S. 215). Der Autor beschreibt in der Folge die Hürden, Notwendigkeiten und Chancen dieser Stabilisierung. Aufschlussreich sind seine Hinweise auf die Psychologie und Politik der Exponentialgesellschaft, die er etwa in Wahrnehmungsproblemen, Verdrängungsmechanismen, sozialer Trägheit und Gewöhnung (shifting baselines) sowie im „Ressourcenvorsprung“ (S. 243) der Wachstumsanhänger sieht. Ein Problem liege auch im „Beweislastvorteil“, da das bisherige System uns ja großen Wohlstand gebracht habe. Motto: „Never change a runnig system“. Zudem erfordere das „Widerlegen von Unsinn zehnmal mehr Energie … als die Produktion von Unsinn“ (S. 244) Deutschmann ist aber dennoch optimistisch, denn die expansionistischen Kräfte hätten ein entscheidendes Problem: „Ihre scheinbar bewährten Rezepte wirken nicht länger in einer Welt, die an ihre Grenzen stößt. Noch schlimmer: Ihre Wirkung schlägt um und erweist sich immer häufiger als toxisch“ (S. 245).

Während im Bereich der wachstumskritischen Ökonomie meist von Post-Wachstum gesprochen wird, was auf Verzichte verweist, plädiert Deutschmann für Stabilisierung, was vielmehr das Gewinnen neuer Sicherheiten assoziieren lässt und wohl mehr Akzeptanz erzeugt – auch wenn Stabilisierung ebenfalls nicht ohne Begrenzungen möglich sein wird. „Stabilisierungskapazität definiere ich als die kollektive Fähigkeit, gezielt Maßnahmen zu ergreifen, um problembehaftete exponentielle Trends zu brechen, sie in nachhaltigere Richtungen umzulenken und auf relativ beständigem Niveau zu halten.“ (S. 253) Für die Transformation setzt der Soziologe auf das Zusammenwirken von veränderten Lebensstilen (er nennt dies „Eigenstabilisierung“, S. 248), dem Anwachsen nachhaltiger Technologien („Strategie der Exponentialitätsadaption“, S. 249) sowie dem Einwirken auf veränderte Strukturen (dies nennt Deutschmann „Alteri-Stabilisierung“, S. 250), was durch die Unterstützung einschlägiger NGOs ebenso geschehen könne wie durch Politik und Gesetze. Daraus ergäbe sich das „Dreieck der Stabilisierung“ (S. 253).

Resümee: Ein wertvolles Buch, das einmal mehr auf die Krisenhaftigkeit exponentieller Wachstumskurven verweist und mit dem Begriff der Stabilisierung an unser Sicherheitsdenken anschließt, zugleich aber mehr als jener der „Anpassung“ (so ein Buch von Philipp Staab) das aktive Umsteuern betont. Über den Steuerungsoptimismus des Autors lässt sich wohl streiten – aber wir haben keine andere Wahl, als zuversichtlich zu bleiben.