Die Frage nach der Richtung und Entwicklung unserer Werte wird hier nicht im Sinne von „Wertewandel“ oder gar „Werteverlust“ gestellt, sondern vielmehr als Frage nach jenen Faktoren, die für Werte und Werteentwicklung inhaltlich bedeutsam sind. Es geht, so der Herausgeber in seiner Einleitung, vor allem um die Institutionen und Mächte – v. a. Wissenschaft, Globalisierung und Multikulturalität  , „die unser Leben lenken und verändern“ (S. 8).

Nicht von ungefähr steht die Wissenschaft bei der Frage nach den Perspektiven unserer Lebensorientierung an erster Stelle. Brigitte Falkenburg (Universität Dortmund) ruft hier einen elementaren Ausgangspunkt des Verhältnisses von Wissenschaft und Gesellschaft in Erinnerung, nämlich die Wahrheit als jenen Wert, der wissenschaftliche Entwicklung als Fortschritt definiert. Für Falkenburg kommt es in Zukunft „mehr denn je darauf an, die traditionellen epistemischen Werte mit dem Bewusstsein zu verbinden, dass all unsere Erkenntnis perspektivisch ist“ (S. 37). Der Physiker Dietrich Wegener diagnostiziert einen „Vertrauensschwund“ im Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft gerade dann, wenn sie sich auf Halbheit einlässt bzw. sich gegenüber der Gesellschaft als Überredungskunst präsentiert, anstatt die Gesellschaft über die Möglichkeiten und Grenzen der Wissenschaft wahrheitsgemäß zu informieren. Eine Wissenschaft, die sich der Wahrheit als ihrem sinngebenden Wert verpflichtet, muss sich zur Sachwalterin der Humanität menschlicher Lebensverhältnisse machen. Es sind, wie Ole Döring (Institut für Asienkunde, Hamburg) in seiner Besinnung auf das Prinzip der Menschenwürde (Bioethik versus Globalisierung) betont, ein und dieselben Werte, die Wissenschaft und Gesellschaft zur Wachsamkeit gegenüber der Eigendynamik eines „medizinisch-wissenschaftlich-ökonomischen Komplexes“ verbinden, dessen Erfolgsrezept auch darin besteht, Wissenschaft und Gesellschaft gegeneinander auszuspielen.

Die Vermittlung von gesellschaftlichen Werten ist für Karl Homann (Universität München) ein von der bewussten gemeinsamen Koordination partikulärer und letztlich individueller Interessen getragener Prozess. Der Konflikt mit dem „Fremden“, so Paul U. Unschuld (Wissenschaftskolleg, Berlin), ist die Angst, dass die Möglichkeit gelingenden Lebens selbst durch schrankenlose Aufweichung der Bedingungen solchen Gelingens verloren gehen könnte. Daher bedarf es der rechtlichen und öffentlich konstituierten Sicherung der Verhältnisse, unter denen fremde und eigene Lebensformen den Anspruch erheben können, Basis des Zusammenlebens aller zu sein. Jedenfalls werden wir genau unterscheiden müssen, so der Sinologe, zwischen den wirklichen Werten und den weltweit agierenden Kräften der Entwurzelung.

Für Jürgen Rinderspacher (Universität Münster u. München) ist es der Wert der Beschleunigung, der uns in einen „Zeitdarwinismus“ zu stürzen droht, dessen Selektionsdruck alles zum Opfer fallen würde, was seinen Wert in sich selbst und eben nicht in dem hat, wozu es beiträgt. Er fordert eine „Zeitpolitik“, worüber eine Gesellschaft dann nachdenkt, wenn sie eines Tages wieder die Zeit finden sollte, sich über etwas anderes Gedanken zu machen als darüber, wie sie und ihre Mitglieder sich am besten verkaufen können. A. A.

Werte im 21. Jahrhundert. Hrsg. v. Walter Schweidler. Baden-Baden: Nomos Verl.-Ges., 2001. 292 S. (Schriften d. Zentrum f. Europ. Integrationsforschung; 27) DM 98,- / sFr 89,- / öS 715,-