
Sich einem aktuellen und hochbrisanten Thema hinsichtlich dessen künftiger Entwicklung zu widmen, ist äußerst voraussetzungsvoll. Carlo Masala ist an der Universität der Bundeswehr München tätig, und kommentiert häufig öffentlichkeitswirksam geopolitische Entwicklungen, unter anderem den Ukraine-Krieg. Nun hat er ein Szenario veröffentlicht, das vehement fordert, „die europäischen NATO-Staaten müssen sich ernsthaft auf die zukünftige Abschreckung und Eindämmung Russlands vorbereiten“ (S. 113). Mit der Schilderung einer spezifischen, potentiell künftigen Entwicklung wird dies belletristisch mit Details ausgeschmückt.
Das Szenario: 2028 überfallen zwei russische Brigaden eine Kleinstadt in Estland. Dieser Überfall wurde umfassend vorbereitet, unter anderem durch Ablenkungsmanöver im südchinesischen Meer und durch erzwungene Flüchtlingsströme in EU-Staaten. Diese und weitere Attacken spielen vor dem Hintergrund, dass Russland in diesem Möglichkeitsdenken den Krieg gegen die Ukraine per Kapitulation gewonnen hat, die Ukraine ein Trümmerhaufen ist. In der Ukraine wird ein Russland-freundliches Parlament und ein ebensolcher Präsident gewählt, in Russland eine neue, junge Führung, die auf Tauwetter hoffen lässt, während Putin noch als großer Sieger und elder statesman wirkt. Das proklamierte Ziel: Russland soll wieder eine Großmacht werden und verlorene Gebiete zurückerobern. Diesen Erzählstrang ergänzend wird die uneinheitliche Haltung und zögerliche Reaktion westlicher Regierungen dargestellt, Russland wird im Endeffekt nichts entgegengesetzt, die Baltikum-Attacke bleibt ungeahndet, niemand will deshalb einen Dritten Weltkrieg riskieren (vgl. S. 65).
Der Begriff „Szenario“ wird im Kontext der Zukunftsforschung verwendet, um so genannte Szenarienanalysen zu erstellen. Es geht bei dieser Methode darum, durch das systematische Kombinieren diverser Trends und Analysen mögliche Zukünfte zu zeichnen. Damit kann dann fundiert eingeschätzt werden, welche zukünftigen Auswirkungen unser heutiges Handeln hat, um Handlungsstrategien abzuwägen, die es laufend zu überarbeiten gilt. Dabei sollen unterschiedliche Logiken und Perspektiven dargestellt werden. Ein einzelnes Szenario greift für die unberechenbare Komplexität unser Welt schlicht zu kurz, zumal, wenn es eine eindimensionale Absicht verfolgt. Insofern liefert Masala kein Szenario, eher einen Meinungstext, der explizit für Aufrüstung eintritt.








