
Dädalus baute für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel, um aus ihrem Gefängnis in Kreta auszubrechen, so der Mythos. Doch die Flügel kamen mit einer Warnung an seinen Sohn: Fliegt man zu tief, wird man von den Wellen erfasst. Fliegt man zu hoch, wird man von der Sonne verbrannt. Letzteres soll mit Ikarus passiert sein, als er ungeachtet der Warnungen seines Vaters immer weiter gen Himmel gestiegen ist. Dieser Mythos stellt für Hauke Behrendt eine vielsagende Metapher für neue Technologien und die Digitalisierung im Besonderen dar. Durch sie werden unsere Handlungsspielräume erweitert und wir können Probleme lösen, deren Aufklärung bisher als unmöglich erachtet wurde. Gleichzeitig kann eine unreflektierte Nutzung dieser neuen Möglichkeiten zu einem ungeahnten Absturz führen – egal, ob ihm ein zu ambitionierter Höhen- oder ein deprimierter Sinkflug vorangegangen ist. Mit diesem Buch versucht Behrendt deshalb, auf derartige Gefahren aufmerksam zu machen und zu zeigen, wie wir Ethik nutzen können, um einen sicheren Flug zu begünstigen.
Diesem Ziel entsprechend gliedert Behrendt sein Buch in drei große Kategorien: ein Kapitel, das sich mit Digitalisierung als grundsätzlichem Transformationsprozess beschäftigt, drei Kapitel, die in die Theorie der Ethik in Bezug auf Digitalisierung einführen, sowie neun Kapitel, die diese Grundlagen anhand konkreter Beispiele reflektieren.
Die vierte Kränkung
Im ersten Teil identifiziert Behrendt die Digitalisierung als historisch vierte, erkenntnistheoretische Kränkung des menschlichen Selbstbilds. Durch künstliche Intelligenz werden Denken, Entscheiden und Lernen, die bislang als exklusiv menschliche Fähigkeiten galten, infrage gestellt. Ihr voraus gingen die kosmologische Kränkung, in der Kopernikus die Sonne anstatt des Menschen in den Mittelpunkt des Universums stellte, die biologische Kränkung, in der Darwin die Sonderstellung des Menschen in der Natur untergrub, sowie die psychologische Kränkung, die auf die Handlungsbeeinflussung durch das Unbewusste nach Freud zurückzuführen ist.
Aus dieser vierten Kränkung entstehen viele offene Fragen und Probleme, wie die Gestaltung der Arbeitswelt, die Macht über Daten, die Beeinflussung durch Algorithmen oder das Potenzial der Überwachung. Behrendt begegnet diesen Herausforderungen, indem er einen Weg skizziert, bei dem die Digitalisierung an den Werten Inklusion, Gerechtigkeit, Transparenz, Teilhabe und Demokratie orientiert sind. Dadurch sollen die digitalen Innovationen am Gemeinwohl ausgerichtet werden.
Im zweiten Teil seines Buchs macht Behrendt unter anderem klar, wie klassische Moraltheorien für die Diskussion der Digitalisierung relevant sein können. Dabei erklärt er die Grundsätze des Konsequenzialismus mit seiner Ausrichtung an Folgen und wie deren Reflexion dabei helfen kann, die gesamtgesellschaftliche Bilanz technischer Innovationen einzuschätzen. Er macht auch greifbar, dass die deontologische Denkrichtung, orientiert an Pflichten, Prinzipien und Rechten, den Erhalt der menschlichen Würde als Subjekt anstatt als technische Effizienzsteigerung unterstützen kann. Außerdem zeigt Behrendt auf, dass die Tugendethik mit ihrer Fokussierung auf Charaktereigenschaften dienlich sein kann, um den Einfluss von Technologien auf unseren Charakter zu beurteilen.
Den dritten Teil dieses Buchs zeichnet die Auseinandersetzung mit konkreten Beispielen für die Ethik der Digitalisierung aus. Darunter fällt eine Reflexion von Large-Language-Models, autonomen Fahrzeugen und autonomen Waffensystemen. Im Vergleich dieser drei Bereiche stellt Behrendt die Frage, was diese Maschinen dürfen, in den Mittelpunkt. Dabei argumentiert er für die Akzeptanz eines moralischen Restrisikos, das nicht an Maschinen delegiert werden kann. Diesem Risiko unterliegen verschiedene Technologien in unterschiedlichem Ausmaß, aber sie eint die Existenz dieser nicht zu externalisierenden, ethischen Komponente, was Behrendt zu seinem Schlusswort bringt.
Digitalisierung als gestaltbarer Prozess
In seinem Ausblick zeichnet Behrendt ein hoffnungsvolles Bild, indem er nochmals unterstreicht, dass die Digitalisierung mit all ihren negativen wie positiven Potenzialen ein gestaltbarer Prozess ist. Er fordert uns als Menschen auf, an diesem Prozess teilzuhaben. Denn nur so können die Hürden überwunden, Institutionen und Regulierungen geschaffen und eine kontinuierliche Reflexion in den Prozess der Digitalisierung eingebettet werden. Wenn wir also einen sicheren Flug im digitalen Zeitalter gewährleisten wollen, sind wir alle gefragt.








