Rainer Hermann

Die Zerstörung des Nahen Ostens

Ausgabe: 2026 | 4
Die Zerstörung des Nahen Ostens

Der Nahe Osten steht im Mittelpunkt der internationalen Politik, die die Weltgemeinschaft in Atem hält. Gerade in den letzten Jahren eskalierten die Konflikte in dieser Region auf dramatische Weise. Inmitten dieser turbulenten Lage legte Rainer Hermann ein Buch vor, das dringend benötigte Einordnungen liefert. Rainer Hermann analysiert präzise die vielschichtige Zerstörung des Nahen Ostens. Sein Buch ist eine profunde Bilanz von über drei Jahrzehnten intensiver journalistischer Beschäftigung mit der Region. Hermann studierte Islamwissenschaft und war Korrespondent der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
Inhaltlich spannt der Autor ein weites Netz, wobei der Konflikt zwischen Israel und Palästina im Zentrum der Analyse steht. Das Buch begnügt sich jedoch keineswegs mit der Analyse einer Konfliktlinie, sondern geht auch tief ins Detail beim unabdingbaren Verständnis der inneren und äußeren Dynamiken der Islamischen Republik Iran. Zudem widmet Hermann ein umfassendes Kapitel der Zukunft des Nahen Ostens, was dem Werk eine Bedeutung verleiht, die über eine reine Bestandsaufnahme hinausgeht. Rainer Hermann schreibt in einem sehr ansprechenden, journalistischen Stil, zeigt sich aber stets ausgewogen und mit umfassendem Wissen ausgestattet.
Um die Gegenwart begreifbar zu machen, schlägt er einen weiten historischen Bogen und erinnert daran, dass der Nahe Osten nicht immer von Kriegen überzogen war. Er beleuchtet eine vergessene Epoche: Ein halbes Jahrtausend lang hatte die sogenannte „Pax Ottomanica“ für inneren Frieden und soziale Stabilität in der Region gesorgt. Erst der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches habe alles radikal verändert und die Landschaft umgeformt.
Hermann erinnert auch daran, dass die militärischen Siege in dieser Region praktisch nie in den erhofften Frieden mündeten. Er untermauert dies mit Beispielen: Weder in Afghanistan, noch nach dem Golfkrieg 1990, und ebenso wenig nach der Intervention 2003 im Irak konnte dauerhafter Frieden etabliert werden. Der Autor findet drastische Worte und spricht von einer regelrechten Liste des Scheiterns, die insbesondere die US-amerikanische Nahostpolitik anklagt.
Doch das Buch leistet weit mehr als nur einen Rückblick auf die Entwicklung der letzten Jahrzehnte. Es stellt interessante Thesen zur Zukunft auf. Eine erste, markante These ist das Ende der alten Ideologien. Abgeworfen sei jener ideologische Ballast, der seit Ende des Zweiten Weltkriegs
Nie mündeten militärische Siege in der Region in den erwarteten Frieden.den Nahen Osten blockierte. Panarabische und linke Bewegungen gehören laut Hermann endgültig der Vergangenheit an. Auch der Islamismus habe seinen historischen Zenit überschritten. An ihre Stelle trete nun jedoch keine neue dominante Ideologie, sondern vielmehr ein gefährliches ideologisches Vakuum.
Als zweite These spricht der Experte von einem anbrechenden Jahrhundert der Golfstaaten. Dies sei eine beispiellose Erfolgsgeschichte. Die sechs Mitgliedstaaten des Golfkooperationsrates investieren mit gewaltigem Aufwand in den Umbau ihrer Volkswirtschaften, öffnen ihre Gesellschaften und werden zunehmend zu ernstzunehmenden Akteuren mit globalen Ambitionen. Längst sind sie aus dem Windschatten der alten arabischen Führungsstaaten herausgetreten. Mehr noch, sie seien mittlerweile zu echten, vollwertigen globalen Akteuren geworden.
Entscheidend für die zukünftige Architektur der Region sei vor allem Syrien. Der Autor bezeichnet das Land als einen absoluten Schlüsselstaat für den gesamten Nahen Osten. Mit dem Sturz des Regimes am 8. Dezember 2024 fiel Syrien aus dem Orbit des Iran. Das eröffnete die Chance für einen tiefgreifenden Wandel, der weit über Syrien hinaus massive Folgen haben kann. Ein befriedetes, in der arabischen Welt verankertes und von den Golfstaaten unterstütztes Syrien würde stabilisierend auf die Region ausstrahlen.
Trotz dieser potenziellen Lichtblicke sieht Hermann weiterhin große Risiken. Eine eklatante Gefahr bestehe in der Selbstüberschätzung Israel. Wenn dieser Staat glaube, absolut unverwundbar zu sein, und zu weiteren Grenzüberschreitungen bereit sei, trage dies ein Eskalationspotenzial in sich. So könne dieses Verhalten negative Auswirkungen auf die fragile Gesamtsituation haben. Hermann bilanziert nüchtern: In zwei Jahren andauernden Krieges sei es Israel absolut nicht gelungen, seine militärischen Erfolge in strategische und nachhaltige politische Siege umzumünzen.