Nicole Mayer-Ahuja, Oliver Nachtwey

Verkannte Leistungsträger:innen

Online Special
Verkannte Leistungsträger:innen

Mit ihren „Berichten aus der Klassengesellschaft“ wollen Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey „verkannten Leistungsträger:innen“ die Aufmerksamkeit zugestehen, die ihre Arbeit verdient. Die Autor:innen verweisen darauf, dass es zu einer Verschiebung beim Begriff „Leistung“ gekommen sei. Dieser wurde ab den 80er-Jahren immer mehr Unternehmer: innen, Manager:innen und all denjenigen zugeordnet, die Geld, Einfluss und Erfolg hatten, egal, ob dieser selbst erarbeitet war oder nicht. (S. 15) Da diese Art von Leistung sich wieder „lohnen müsse“, kam es in den folgenden Jahrzehnten zur Senkung von Steuern für diese Gruppen. Die Folge war, dass diese Einnahmen bei der öffentlichen Hand fehlten. Dort reagierte man mit Lohndruck auf die Beschäftigten in öffentlichen Einrichtungen und der Auslagerung der Tätigkeiten an Subunternehmen. Gerade im Bereich der Reinigungskräfte kann man die Abwärtsspirale bei der Entlohnung durch diese Vorgänge nachweisen.

Parallel wurden die sozialen Sicherungssysteme zurückgeschnitten, die Leitforderung nach der „Senkung der Lohnnebenkosten“ sorgte für geringere Standards im Fall von Arbeitslosigkeit, Krankheit und im Alter. Vor allem in der Schweiz und in Deutschland wurde zusätzlich der Druck auf Arbeitslose erhöht, wieder Arbeit anzunehmen. So gelang es, selbst für unattraktive Jobs genügend Interessent:innen zu finden. Leiharbeit und Scheinselbständigkeit nahmen zu, der Niedriglohnsektor in Deutschland umfasste 2017 etwa jeden dritten Beschäftigten. (S. 19)

Nachtwey und Mayer-Ahuja lenken den Blick auf die gesellschaftlichen Strukturen. Galt lange nach 1945 noch das Bild einer Fahrstuhlgesellschaft (Ulrich Beck) – wo der Abstand zwischen reich und arm zwar gleich groß blieb, man aber gemeinsam „nach oben“ zu besseren Lebensverhältnissen unterwegs war – so macht dieses Bild ab etwa 1975 keinen Sinn mehr. Mit Andreas Reckwitz sehen die Autor:innen heute eine neue, prekäre Unterklasse, deren Lebensstandard stagniert in Bezug auf Wohlstand und Lebenschancen. Erik Olin Wright definiert eine dreifache Einschränkung dieser Personen: Ihre Einkommen sind gering, ihre Chancen, sich gesellschaftlich zu „verbessern“ kaum vorhanden und sie erleben im Arbeitsalltag ein hohes Maß an Disziplinierung. (S. 29) Alle drei Mechanismen der Positionszuweisung nach Wright greifen.