Editorial aus der ProZukunft-Ausgabe 3/1998

In Zeiten wie diesen sprechen nicht wenige vom nahenden Ende der Welt. Der amerikanische Avantgardefilmer und Theatermacher Hal Hartley etwa lässt in „Soon". dem bei den diesjährigen Salzburger Festspielen aus der Taufe gehobenen Stück, eine Gruppe von "Auserwählten" über den baldigen Weltuntergang phantasieren und zeigt dabei, wie in Erwartung der eigenen Errettung die Vernunft gekappt wird. Noch eiliger freilich haben es jene, die - vgl. Nr. 368 - in "wissenschaftlich fundierter" Auslegung verschlüsselter Prophezeiungen das "Ende des Weltenjahres" noch vor der Jahrtausendwende ankündigen und so mit dazu beitragen, sensible Gemüter zu irritieren. Dass indes - ganz und gar ohne metaphysische Spekulation und extraterrestrische Bedrohungspotentiale zu bemühen - im Weltgetriebe permanenter Innovation die Zukunft okkupiert und zudem die Moral über Bord geworfen wird, hat jüngst auch Marianne Gronemeyer in zwei beeindruckenden Vorträgen in Salzburg dargelegt. Wo das Leben zur Schnäppchenjagd verkommt (ausführlich dazu S.37) ist eine Umwertung der Werte längst zur Realität geworden. Der Neid, so die kritische Pädagogin und Kulturphilosophin, sei nicht nur salonfähig, sondern die Triebkraft einer außer Rand und Band geratenen Konsumgesellschaft: "Man kauft, was man nicht braucht, von dem Geld, das man nicht hat, um dem zu imponieren, den man nicht mag." Damit aber nicht genug. Wo "Unbeständigkeit zur Flexibilität sich mausert", Temperantia, die Mäßigung, als „unzumutbare Blockade des Menschenmöglichen" denunziert und Selbsterkenntnis zur Selbstverwirklichung umfunktioniert wird, ist das Böse nicht fern - und doch nicht greifbar. Die moderne Gestalt des Bösen, so Gronemeyer in ihrem Vortrag bei der diesjährigen „Internationalen Pädagogischen Werktagung", sei die Seichtheit, die Unterlassung des Denkens, die schon in der Schule eingeübt werde. Jugendliche seien gleichsam wandelnde „Zwischenlager für bewandtnislose Bildungsfragmente", die "Deponieverwaltung unterbinde deren Gebrauch durch eigenständige Verformung", Lernen bleibe demnach unverbindlich, banal. Die "Hoffähigkeit der Dummheit" ortet Gronemeyer in der „Zerschneidung des Denk-Folge-Zusammenhangs" ebenso wie in der "Auflösung des Tat-Folge-Zusammenhangs". „Im Alleinvertretungs- und Geltungsanspruch der miteinander verfilzten Ökonomie, der anwendungsorientierten Naturwissenschaft und der Technik [habe] das Böse Quartier genommen." Bis zur Perversion vorangetriebener „Innovationsenthusiasmus" und „Perfektionsfuror“ steigerten die alltägliche Gewalt des Fortschritts und degradierten den Mensch zum Mittel. zum "Handlanger seines Maschinenparks" bis er - in vielleicht gar nicht mehr so fernen Tagen - von diesem ganz verdrängt werde ...


Die an dieser Stelle versammelten Analysen und Befunde können zum Großteil als Versuche gelesen werden, dem hier in aller Kürze und notwendiger Verdichtung wiedergegebenen Überlegungen mit den Mitteln des Denkens Widerstand zu leisten. Geboren vielleicht aus dem Mut der Verzweiflung sind es doch über weite Strecken schlüssige Belege begründeter Hoffnung dafür, dass der Verlauf der Zukunft nicht festgeschrieben ist. Umberto Ecos Plädoyer dafür, sich auch um der Wiederentdeckung der Moral willen auf die Mühen des Nach- und Vorausdenkens einzulassen, ist als gleichermaßen überzeugende wie optimistische Antithese zu Gronemeyer zu sehen. Und tatsächlich, um den hier ebenfalls vorgestellten Titel von Klaus M. Meyer-Abich zu zitieren, ist es keineswegs ausgeschlossen, dass wir uns nach dem so verfänglichen Genuss vom "Baum der Erkenntnis" nunmehr dem "Baum des Lebens" zuwenden. Dazu freilich müssen alte Denkmuster hinterfragt werden, auch dann, wenn neue Lösungen noch nicht in Sicht sind. Möglichkeitsräume, wie Weert Canzler und Andreas Knie sie im Kontext der Verkehrspolitik ausloten, sind im gestaltbaren Gebäude des Kommenden viele auszumessen und wohnlich einzurichten. Dass eine "Politik der Globalisierung" erst in ihren Anfängen erkennbar ist und "Perspektiven der Weltgesellschaft" keineswegs nur in blindwütigem Innovationsdrang sich auftun, ist offensichtlich und wird in vielen Facetten thematisiert. Nachhaltigkeit bedeutet nicht zuletzt auch, sich des Bewährten zu besinnen und die Herkunft um der Zukunft willen nicht aus dem Blick zu verlieren. Könnte so der teuflischen Lust am Untergang nicht etwa doch noch Paroli geboten werden? Walter Spielmann