Editorial aus der ProZukunft-Ausgabe 4/1998

Fernab okkulter Prophezeiungen beunruhigt der nahende Millenniumwechsel zunehmend auch rational-analytisch denkende Zeitgenossen. Denn infolge des hierzulande vorerst fast ausschließlich in Expertenkreisen erörterten, im angelsächsischen Raum aber zunehmend breiten Raum einnehmenden Diskurses über das "Y2K"-Problem könnte sich so manche Silvesterparty 2000 als Beginn einer Serie unliebsamer und folgenreicher Pannen herausstellen. Nicht auszuschließen, dass sich der Kater, der die Informationsgesellschaft am 1.1.2000 überkommt, sich zu einer längerwierigen Krankheit auswächst: Denn der scheinbar harmlose Datumswechsel von ,,99" auf ,,00", wird, wie manche Computerexperten befürchten, zwischen 85 (USA) und 65 (Europa) Prozent der im Einsatz befindlichen Softwareprogramme lahmlegen, wobei heute niemand seriöserweise sagen kann, welche Schaltstellen der weltweit agierenden „Informationsgesellschaft" in Mitleidenschaft gezogen werden bzw. wie schnell und zuverlässig die Heerschar der „Technochirurgen" helfend wird eingreifen können. Neben der in dieser Ausgabe (vgl. Nr. 485) erörterten Bandbreite möglicher Auswirkungen des "Y2K" -Problems sei auch auf den faktenreichen Beitrag zu diesem Thema in der jüngsten Ausgabe der "World's Best Ideas" (1) verwiesen, in dem es u. a. heißt, dass in den nächsten 50 Jahren zumindest 60 Mio. Softwarereparaturen anfallen werden, die Kosten von etwa 5 Trillionen USD (!) verursachen dürften- weit mehr als selbst die reichsten Konzerne und Staaten werden aufbringen können. Selbst wenn nur ein Bruchteil der diskutierten
Szenarien Realität werden sollte, so legen sie doch
die Achillesferse einer primär dem technologischen
Fortschritt und der Hybris grenzenloser Beschleunigung verfallenen Gesellschaft bloß. Damit wird aber
auch die verstärkte und konzentrierte Suche nach tragfähigen technologischen und sozialen Konzepten zur "Conditio sine qua non" zukunftsfähiger Entwicklung. Ein auf allen Ebenen der sich herausbildenden "Weltgesellschaft" angesiedeltes Projekt
einer "Sozialen Agenda 2000", das sich der Sammlung, Sichtung und vor allem auch der Erprobung kollektiven Wissens annimmt, könnte mit dazu beitragen, den "Kurs auf den Eisberg" zu ändern und so Perspektiven für das 21. Jahrhundert entwickeln. Der Musiker Brian Eno spricht - übrigens ganz im Sinne Robert Jungks - im Vorwort des oben angeführten Kompendiums, das rund 250 Ideen und vor allem bereits erprobte soziale Projekte vorstellt, davon, dass "wir in der Flut besorgniserregender, katastrophengeiler Nachrichten zu ertrinken drohen, aber [vorerst] nur eine sehr kursorische Diskussion darüber führen, wie Dinge besser gemacht werden könnten". Umso mehr gehe es darum, weltweit nach Zeichen und Beispielen eines erfolgreicheren und menschlicheren Zusammenlebens Ausschau zu halten. Eben diesem Ziel hat sich zuletzt auch eine Gruppe von Weggefährten und Freunden unseres Mentors verschrieben und kürzlich bei einem Treffen an der Akademie der Künste in Berlin den Grundstein für ein "Robert-Jungk-Jahr 1999" gelegt. Das unermüdliche Werben Robert Jungks für eine Demokratisierung der Zukunft, seine vielfältigen Ideen und konkreten Vorschläge zur Entwicklung der Bürgergesellschaft - sie sollen in den kommenden Monaten aufgegriffen und weiterführend diskutiert werden. Die Etablierung einer "Zukunftsdatenbank" soll dabei ein zentrales, wenngleich keinesfalls das einzige Anliegen sein: Die "Stiftung Mitarbeit" (Bonn), die Heinrich-Böll-Stiftung (Berlin). "Z-punkt" (Gelsenkirchen), die Berliner Nachrichtenagentur "Sinnflut" sowie das "Netzwerk Zukunft" - sie alle haben ihre Bereitschaft zur Mitwirkung an diesem Projekt bekundet, und auch die Aktivitäten des "Städtenetzwerkes Nordrhein-Westfalen", das 1999 die Auslobung eines "Robert-Jungk-Preises" angekündigt hat, sind in diesem Kontext stimulierend. Gelänge es, die neue Regierung für dieses Projekt zu gewinnen, so wäre ihr (mehrfach bekundeter) Wille zur Unterstützung und Umsetzung partizipatorischer Politik als Beitrag zu voraussehendem Chancenmanagement eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Dass sich auch die Stiftung Robert Jungks nach Kräften für dieses Vorhaben einsetzen wird, versteht sich von selbst. Walter Spielmann

 

(1) World's Best Ideas. A GIobal Ideas Bank compendium. Ed. by Nicholas Albery ... Foreword & Cover Illustration by Brian Eno. London: Institute for Social Inventions, 300 S.