Wenn sich Negt anläßlich des wiedervereinigten Deutschlands und des Wahljahres 1994 mit der "zweiten Gesellschaftsreform" auseinandersetzt. drängt sich zunächst die Frage auf, welche die erste gewesen sei. Negt versteht in seiner Vorrede "den Reformaufbruch Ende der sechziger Jahre (... ) als ,Erste Gesellschaftsreform'". Heute sind wieder Reformen gefragt, die das gesamte wirtschaftliche und gesellschaftliche Leben umfassen und letztlich eine völlige Neuorientierung zum Ziel haben.

Auch Rainer Lang fordert die "Debatte über den Umbau der Lebens- und Wirtschaftsweise und der sie regulierenden Institutionen". Er sieht dabei jedoch auch die Schwierigkeit, "daß niemand genau vorhersagen kann, wie dieses erneuerte, auf Zeit wieder funktionsfähige Leben auszusehen hätte". Einige Ansätze im Wirtschaftsbereich: Das alte Wachstumsmodell des Fordismus muß überwunden werden zugunsten eines Wirtschaftssystems, das "Ökokapital" als eigenen Faktor anerkennt und sicherstellt, daß seine Verwaltung kein Behördenanhängsel bleibt, sondern von kompetenter Seite verantwortungsvoll bewahrend bewirtschaftet wird. Das bedeutet vor allem eine bewußtere und letztlich ökonomischere Reproduktion von Ressourcen. Um jedoch derlei Ideen durchsetzbar zu machen, muß schon bei der Berufsausbildung angesetzt werden.

Wie Karlheinz Geißler es darstellt, wird in der jetzigen Situation kein Beruf mehr gelehrt, sondern eine industrieverträgliche menschliche Arbeitskraft geformt, die durch permanente Um- und Weiterbildung beliebig einsetzbar ist. Dies widerspricht jedoch eklatant dem Entwurf eines positiven, nach Möglichkeit nicht entfremdeten Lebensplans. - Quintessenz der in diesem Band gesammelten "Plädoyers" könnte lauten: Die Köpfe von Wirtschaft und Politik sollten sich bewußt machen, daß sie und ihre Institutionen um der Menschen willen da sind und nicht umgekehrt.

S. Sch.

Die zweite Gesellschaftsreform. Hrsg. v. Oskar Negt. Göttingen: Steidl-Verl., 1994.319 S., DM 15,-1 sFr 13,801ÖS 117,-