
Nach „Zukunftsfähiges Deutschland“ (1996, 2008) legt das Wuppertal Institut mit „Wohlstand in Zeiten des Übergangs“ ein neues Grundlagenwerk vor. Christa Liedtke und Jola Welfens haben – unterstützt durch zahlreiche Co-Autor:innen der Öko-Denkfabrik – zusammengetragen, was es an neuen Erkenntnissen aus den Ökosystem-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zum Thema gibt. Das Projekt ist breit angelegt und der Bogen wird weit gespannt: Neben genuinen Nachhaltigkeitsaspekten wie der Klima-, Biodiversitäts- und Ressourcenkrise – Stichwort „Planetary Boundaries“ – werden auch neue gesellschaftliche und technologische Entwicklungen, etwa durch die Digitalisierung oder durch soziale Disruptionen wie den Vertrauensverlust in die Institutionen, berücksichtigt. Erkenntnisse der Transformations- und Zukunftsforschung wie „Future Literacy“ werden ebenso integriert wie jene der Glücks- und Zufriedenheitsforschung.
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte. In „Ausgangslage“ wird der Zustand des Planeten im Kontext des „Konsumozäns“(S. 85) einmal mehr vermessen, zugleich auf soziale Fragen wie „Ungleichheit“ oder den Zustand der Demokratie – beschrieben als „Verfasstheit“ (S. 145) eingegangen. Das Zusammenspiel von Verfasstheit und Verfassung präge, „wie wir leben, welche Möglichkeiten uns offenstehen und wie wir unsere Umwelt gestalten“ (ebd.). Im Abschnitt „Wandel“ werden Bedingungen der Transformation beschrieben, etwa unsere Sicht auf Wachstum, Leben, Zeit und Kompetenzen. Hier wird auch auf die Chancen und Tücken der Digitalisierung Bezug genommen. Im dritten Teil „Zukunft“ widmen sich die Autorinnen schließlich den Themen „Glück“, „Wohlstand“ und „Übergangszeiten“.
Alle Themen hängen miteinander zusammen und sind verwoben: So gilt die autonome Verfügbarkeit über Zeit als Wesensmerkmal von Wohlstand (mit Blick auch auf Sorgearbeit), Zeitlichkeit spiele aber auch eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, sogenannte „Windows of Opportunity“ für Veränderungen zu erkennen. Leben verweise auf die Grundbedürfnisse des Menschen und sein Eingebettet-Sein in die Natur, die menschliche Existenz sei jedoch kulturell kodiert, die Attraktivität des Konsums daher nicht wegzuleugnen – so wie neuere Ergebnisse der Zufriedenheitsforschung zeigen würden, dass hier das verfügbare Einkommen durchaus eine zentrale Rolle spiele. Die Herausforderung bestehe daher darin, Wohlstand innerhalb planetarer Grenzen zu organisieren – dies umso mehr, als die Zweiteilung der Welt in reichen Norden und armen Süden längst überholt sei. Liedtke und Welfens operieren mit Roslings Vierteilung der Welt in „Arme“, „aufstrebende“ und „bestehende“ Mittelschicht sowie „Reiche“, wobei die wachsende globale Mittelschicht zur zentralen ökologischen Herausforderung werde.
Demokratischer Diskurs
Die „Zukunftskunst“ bestehe, so die Autorinnen, darin, „die richtigen Kompetenzen und Fakten zum richtigen Zeitpunkt wahrzunehmen und zu erwerben, sie im offenen Diskurs zu verstehen, anzuwenden und sie Entscheidungen zugrunde zu legen“ (S. 13). Gehofft wird auf einen demokratischen Diskurs, der Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft integriert. Dazu werden unterschiedliche Modelle vorgestellt, etwa jenes der „Models of Change“, die eine klare Vision mit systemischem Denken verbinden, Experimentierräumen, Innovation und Exnovation, gesellschaftlicher Resonanz sowie dem konstruktiven Umgang mit Widerständen.
Grundsätzlich heißt es: „Übergangszeiten fordern Analyse und Kreativität zugleich. Auch unter dem Druck der Beschleunigung bleibt Wandel gestaltbar – vorausgesetzt, wir lösen uns von alten Vorstellungen: vom Fortschrittsglauben, von einem auf Konsum beruhenden Wohlstandsideal und vom Vertrauen in reine Effizienz innerhalb bestehender Strukturen“ (S. 513). Gestaltung wird als zentraler Begriff eingeführt, dazu brauche es „Orte der Aushandlung – Agoren, in denen Wissen, Werte und Narrative zirkulieren und soziale Innovationen entstehen“ (S. 513). Verantwortung werde dabei nicht individualisiert, sondern geteilt – zwischen Staat, Markt, Zivilgesellschaft, Wissenschaft und gestaltenden Disziplinen wie Design, Architektur und Kunst.
Resümee: Die Autorinnen sprechen eine Vielzahl an Aspekten der notwendigen Transformation an und sie setzen auf demokratische Aushandlungsprozesse. In der Fülle an Informationen und Ansätzen läuft man als Lesende/r aber Gefahr, den Überblick zu verlieren – zu Recht wird jedes Kapitel mit einem „roten Faden“ eingeleitet. Die allen Themen nachgestellten Indikatoren sollen Fortschritte messbar machen, sind aber ebenfalls umfangreich und komplex. Es wäre bereits viel gewonnen, wenn dem BIP ein paar weitere Indikatoren zur Seite gestellt würden. Als Anleitung für die Politik und Zivilgesellschaft ist das Buch anspruchsvoll, als Nachschlagewerk und Vertiefung in einzelne Fachgebiete eignet es sich aber durchaus.








