
Martyna Linartas’ „Unverdiente Ungleichheit“ rollt eine alte Debatte neu auf. Während sich die Diskussion über soziale Gerechtigkeit und Umverteilung zuletzt stark auf die Vermögenssteuer konzentrierte, lenkt Linartas den Blick auf ein Instrument, das fast vergessen scheint: die Erbschaftssteuer. Sie zeigt, warum sie in der öffentlichen Wahrnehmung fast wie ein Tabu behandelt wird, und macht deutlich, dass genau hier ein entscheidender Schlüssel im Kampf gegen Ungleichheit liegt.
Historische Analyse und Kritik der Gegenwart
Das Buch beginnt mit einem Blick in die Geschichte. Linartas zeichnet nach, wie Erbschaftssteuern einst in vielen Gesellschaften weit verbreitet waren und das keineswegs symbolisch, sondern mit substanziellen Beitragssätzen. Sie erinnert daran, dass hohe Erbschaftssteuern in Deutschland (insbesondere die 1919 eingeführte Erbschaftsteuer) lange Realität waren. Mit diesen historischen Rückblicken gelingt ihr, was der aktuellen politischen Diskussion oft fehlt: Sie zeigt, dass gesellschaftliche Institutionen keineswegs unveränderlich sind, sondern dass sie sich wandeln können und bereits gewandelt haben.
Zugleich verknüpft Linartas die historische Analyse mit einer Kritik der Gegenwart. Sie macht deutlich, wie Reichtum heute immer stärker über Generationen hinweg konzentriert wird. Darüber hinaus zeigt sie klar auf, „dass Deutschland keine Leistungs-, sondern bereits Stand heute eine Erbengesellschaft ist‘‘ (S. 7). Weder Leistung, Risikobereitschaft oder Fleiß entscheiden über Chancen, sondern die Familie, in die man hineingeboren wird. Sie argumentiert, dass Erbschaften Ungleichheit in einer Form reproduzieren, die kaum zu legitimieren ist.
Linartas argumentiert faktenreich, ohne trocken zu wirken, und macht ökonomische Zusammenhänge verständlich. Sie hat eine Fähigkeit, festgefahrene Debatten aufzubrechen. Dabei nimmt sie gängige Argumente gegen eine höhere Erbschaftssteuer, angeblich nicht durchsetzbar, wirtschaftsschädlich oder ein Angriff auf den „Mittelstand“, ernst, entkräftet sie aber so gründlich, dass sie in sich zusammenfallen.
Besonders eindrucksvoll sind dabei die Interviews, die Linartas mit wohlhabenden Erb:innen geführt hat. Sie geben Einblick in Denkweisen, Selbstbilder und Rechtfertigungsstrategien jener, die vom bestehenden System profitieren. Gerade diese Stimmen machen sichtbar, wie stark Mythen vom „verdienten Reichtum“ oder der „aufopfernden Familienleistung“ das Selbstverständnis prägen und wie wenig diese Narrative der Realität standhalten. Es geht eben nicht nur um ökonomische Mechanismen, sondern vor allem um diese Mythen.
Dabei behandelt sie auch einen besonders zähen Mythos: dem Glauben, soziale Herkunft lasse sich durch Bildung problemlos überwinden. Gerade Reiche führen dieses Argument oft an, um Ungleichheit zu relativieren. Linartas zeigt jedoch überzeugend, dass Bildung allein nicht ausreicht, solange Vermögen und Chancen so ungleich verteilt sind. Sie belegt, dass Aufstieg in unserer Gesellschaft nicht in erster Linie von Talenten abhängt, sondern von Ressourcen, Netzwerken und dem Startkapital, das man mitbringt.
Interessant ist auch, wie Linartas die Erbschaftssteuer in ein größeres Bild von Demokratie und Zusammenhalt einbettet. Es geht ihr nicht um eine technokratische Debatte über Steuerquoten. Sie fragt: Wollen wir eine Gesellschaft, in der wenige über Generationen Vermögen anhäufen, während andere kaum Chancen haben oder eine, in der Reichtum gerechter verteilt ist? Für sie sind gerechte Erbschaftssteuern Grundvoraussetzung für Demokratie.
„Unverdiente Ungleichheit“ ist damit weit mehr als ein Fachbuch zur Steuerpolitik. Linartas zeigt, dass die angebliche Unveränderbarkeit der Erbschaftssteuer vor allem das Ergebnis politischer Kämpfe, Lobbyinteressen und einer eingeübten Verdrängung ist. Sie hält dagegen: Wenn wir in der Vergangenheit hohe Erbschaftssteuern hatten, können wir sie auch wieder haben.
„Unverdiente Ungleichheit“ wirkt politisierend: Es macht Lust, sich tiefer mit Steuerpolitik zu beschäftigen, weil sichtbar wird, wie eng Fragen von Abgaben und Umverteilung mit Gerechtigkeit, Chancen und Demokratie verknüpft sind. Gerade im Vergleich zur Debatte um die Vermögenssteuer wird deutlich, wie sehr Linartas’ Argumentation die Diskussion erweitert und vertieft: Sie zeigt, dass beide Fragen zusammengehören und dass gerechte Besteuerung von Vermögen ohne die Erbschaftssteuer unvollständig bleibt.
Das macht das Buch nicht nur für ökonomisch Interessierte spannend, sondern für alle, die über Fragen von Gerechtigkeit, Demokratie und Zukunftsfähigkeit nachdenken. Wer Steuerpolitik für trocken hielt, wird eines Besseren belehrt. Ihre Analyse ist aufrüttelnd, weil sie zeigt, dass Alternativen existieren und politisch durchsetzbar wären.








