
Krempel bedeutet im Alltag nutzloses Zeug, das in Kellern oder Dachböden verstaubt, nur weil sich die Besitzenden nicht davon trennen können, auch wenn sie die Dinge nie mehr verwenden werden. Gabriel Yoran bezeichnet mit Krempel Produkte bzw. Produktaccessoires, die zwar innovativ anmuten, die man aber eigentlich nicht braucht. Als Beispiele nennt er etwa moderne Induktionsherde mit komplizierten elektronischen Verschaltungen, deren Bedienung komplexes Wissen erfordert. Statt der früheren Drehknöpfe, mit denen man die Temperatur einfach regeln konnte, gelte es heute, die richtigen Flächen auf den Touchscreens zu finden. Dasselbe Prinzip nimmt der Autor und Kommunikationsberater bei modernen Kaffeemaschinen oder den elektronischen Armaturen von Autos wahr. Einfache Bedienbarkeit ist passé – abgelöst von allerlei Schnickschnack – so die Kritik des Autors, der in „Die Verkrempelung der Welt“ eine Vielzahl an Beispielen bringt. Etwa Waschmaschinen, die nicht nur die Wäsche waschen, sondern zig Waschvorgänge zur Auswahl bieten und am Ende des Waschvorgangs ein Schubert-Lied anstimmen, oder Computerprogramme, die vor ihrer Bedienung eine Latte von Zustimmungen verlangen, die niemand korrekt überblicken kann.
Kommunikationskrempel
Die Verkrempelung der Welt mache aber bei den Dingen nicht Halt, sondern betreffe auch den Informationsmüll, mit dem wir täglich berieselt werden. Nicht nur immer neue Softwareprogramme und Apps, mit denen wir uns herumschlagen müssen, auch die Datenflut via Social Media oder Mailings belaste unser Leben, führt Yoran aus. Er spricht von „Kommunikationskrempel“ (S. 99): „Wir stimmen Dingen zu, die wir nicht verstehen. Wir nehmen achselzuckend hin, dass wir die Botschaften, deren Empfänger wir doch sind, nicht mit angemessenem Aufwand begreifen können“ (S. 99). Natürlich bekommt auch der Online-Handel sein Fett ab – und die permanente Aufforderung, Produkte zu bewerten; nicht, wenn diese ihren Geist aufgegeben haben, sondern unmittelbar nach dem Kauf: „Ich wurde noch nie nach Ablauf der Garantiefrist um eine Bewertung gebeten, obwohl das eine bessere Aussage über die Dauerhaftigkeit eines Produktes erlauben würde“ (S. 29).
Der Autor stößt sich nicht nur am fragwürdigen Design moderner Produkte, sondern hinterfragt auch das Konsumieren-Müssen selbst, insbesondere, dass uns als Konsumierenden die Rettung der Welt zugeschanzt wird: „Die Fundamentalkritik am Kapitalismus ist, wohl aufgrund ihrer Fruchtlosigkeit, einer Kritik des individuellen Konsums gewichen“ (S. 17). Und weiter: „Wir haben den Planeten kaputt konsumiert, jetzt sollen wir ihn wieder heile konsumieren“ (ebd.). Doch dieser an die Kundschaft gerichteten Forderung lasse sich nicht nachkommen, solange nicht auch die Hersteller in die Pflicht genommen werden, folgert der Autor konsequent in Übereinstimmung mit dem Ansatz einer Kreislaufwirtschaft. Yoran erinnert in diesem Zusammenhang an die Warenästhetik des Werkbundes, die einfach bedienbare, langlebige und reparierbare Geräte forderte: „Die Leute, die Produkte gestalten und produzieren, haben eine Verantwortung, der sie gerecht werden müssen.“ (S 83) Das passe aber nicht zum Kapitalismus: „Ein gutes Produkt für die Kundschaft kann ein schlechtes Produkt für den Produzenten sein“ (S. 18).
Gegen Ende des Buches nimmt Yoran nochmals Bezug auf die Kritik am Kapitalismus, der nur begrenzte Bedürfnisse befriedigen könne, andere wie freie Zeit, Kreativität, Solidarität und Liebe unterbinde. Ein von über 300 Intellektuellen unterzeichnetes „konvivialistisches Manifest“ empfiehlt der Autor als Richtschnur für eine verantwortungsvolle Politik, die es allen Menschen ermöglichen solle, ihre Freiheit und Individualität zu leben, ohne anderen zu schaden.
Zur Einschätzung des Buches: Man kann dieses mit Gewinn lesen, wenn man sich auf die vielen geschilderten Beispiele und den assoziativen Charakter des Textes einlässt. Für meinen Geschmack verliert sich der Autor jedoch zu stark in Details. Einmal fragt er selbst, ob die geschilderten Phänomene nicht Luxusprobleme seien angesichts der globalen Krisen, verneint dies freilich. Die Kritik am Kapitalismus mit seinem Wachstums- und Konsumzwang ist korrekt, aber ebenso wenig neu wie die Forderung nach langlebigen Produkten. Entscheidend wird sein, ob und wie wir uns von der Wachstumsabhängigkeit befreien und wie wir den Produzierenden Regeln im Sinne einer ressourcenschonenden Wirtschaft auferlegen können. Die EU hatte hier mit dem Konzept der „Circular Economy“ bereits einiges angedacht. Dass das Buch zum Spiegel-Bestseller wurde, mag der Neugier auf den in der Tat originellen Titel sowie dem unterhaltsamen Schreibstil geschuldet sein; vielleicht auch der nur mit Augenzwinkern vorgebrachten Kritik am Kapitalismus, auch wenn diese durchaus die Geschichte der Konsumkritik reflektiert.








