Christoph Hein

Unsere Wirtschaft neu denken

Ausgabe: 2026 | 2
Unsere Wirtschaft neu denken

Die Welt ist wirtschafts- und handelspolitisch so stark vernetzt wie nie zu vor. Rund 70 Prozent des internationalen Handels werden in globalen Lieferketten abgewickelt. Jeder vierte Arbeitsplatz in Deutschland hängt am Export. Jeder zweite Euro wird mit der Ausfuhr verdient. Mit Daten wie diesen macht Christoph Hein deutlich, wie weit die Globalisierung fortgeschritten ist. Und er warnt vor der Anfälligkeit und Verwundbarkeit einer Versorgung mit Gütern angesichts neuer Krisen wie dem Krieg gegen die Ukraine. „Home-shoring“ oder „Re-shoring“, also das Zurückholen der eigenen Industrie aus dem Ausland, wie es teilweise gefordert wird, sei jedoch keine Lösung, so der Wirtschaftspublizist der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Es kann nicht um das Ende der Globalisierung gehen. Es zeichnet sich aber ab, dass sie ein anderes Gesicht tragen wird, andere Akteure in den Vordergrund rücken, die andere Netzwerke knüpfen“ (S. 9f.). Angesichts des heraufgezogenen Endes der ‚pax americana‘ werde die neue Weltordnung mulipolar und damit wesentlich stärker als bisher politisch geprägt sein. Hein daher: „Auch Wirtschaftsführer müssen geopolitisch denken. Sie müssen beweglicher, anpassungsfähiger werden“ (S. 10).

In seinem Buch „Unsere Wirtschaft neu denken“ konstatiert der Autor die „Wiederentdeckung der Geoökonomie“ (S. 18). Er beschreibt deren historische Vorläufer, etwa das Konzept „Volk ohne Raum“ der Nationalsozialisten, ebenso wie die aktuellen geopolitischen Umbrüche, insbesondere die in den USA geschürte Angst vor China und die daraus entstandene MAGA-Bewegung – „Make America great again“. Nicht der Ansatz „eines fast zwangsläufigen Zusammenwachsens [von Staaten] aufgrund ihrer geografischen, soziologischen und politischen Entwicklung“ (S. 49), die der ordoliberale Ökonom Wilhelm Röpke vor Augen sah, sondern „die für das eigene Land vorteilhafte Verknüpfung von grenzüberschreitendem politischem und wirtschaftlichem Handeln“ (S. 49) präge die aktuelle weltpolitische Lage, eben „geoeconomics“.

Hein zitiert zahlreiche Vertreter:innen aus den Wirtschaftswissenschaften, aus internationalen Organisationen oder Geheimdiensten, die seine These von der Wiederkehr der Geoökonomie bestätigen würden. Dabei seien neue militärische Konfrontationen nicht ausgeschlossen. Chinas Wirtschaft werde weiter an Fahrt zulegen und technologisch immer mehr aufschließen, die weltpolitische Lage werde instabiler, regelbasierte Handelspolitik durch interessensgeleitete Machtpolitik ersetzt – so die Essenz der zitierten Expert:innen.

Im zweiten Teil des Buches macht Hein Vorschläge, wie Europa bzw. die Europäische Union auf die neue Lage reagieren solle. Die EU mit ihren Demokratien sei weiterhin eine Erfolgsgeschichte, doch das bisherige Welthandelssystem werde durch „eine Vielzahl bilateraler Abkommen und Partnerschaften“ (S. 115) abgelöst, worauf auch Europa reagieren müsse. Dies werde wirtschaftspolitisches Handeln zwar verteuern, sei aber derzeit alternativlos. Trumps Abschottungspolitik werde jedoch die EU zu einem für viele attraktiveren Handelspartner werden lassen.

Neue Märkte sieht Hein in den rapide wachsenden Mittelschichten in Asien. Er plädiert für eine offene Haltung gegenüber China und Indien als neue Wirtschaftsgroßmächte, aber auch für die Hinwendung zu den Ländern des Globalen Südens. Zugleich dürfe die EU die Vereinigten Staaten von Amerika nicht abschreiben. Dass Trump höhere Militärausgaben von den Europäern verlange, sei vor dem Hintergrund der gigantischen, auch für die Weltwirtschaft gefährlichen Verschuldung des Landes verständlich.

Wie andere müsse sich die EU den Zugang zu den für das 21. Jahrhundert wichtigen Rohstoffen sichern: „Wir brauchen sie für Windräder, für Automotoren, Speicherplatten und für Kontrastmittel bei der Krebsvorsorge“ (S. 124). Bilaterale Abkommen mit jenen Ländern, die über die kritischen Rohstoffe verfügen, seien unabdingbar, die Abhängigkeit allein von China problematisch. Hein plädiert aber auch für den Ausbau einer Kreislaufwirtschaft, um den Rohstoffbedarf zu senken. Zudem brauche die EU einen integrierten Kapitalmarkt, also eine „Kapitalmarktunion“ (S. 130), die auch den Wert des Euros erkenne. Nicht zuletzt müsse Europa seine digitale Souveränität vorantreiben – mit autonomer Infrastruktur im Bereich KI und Datenräume, der Einführung der European Digital Identity Wallet sowie dem digitalen Euro. Zudem müsse die EU in eine moderne Verteidigung investieren, wozu auch die Sicherung der internationalen Transportwege gehöre. Auch Entwicklungszusammenarbeit sei „durch die Brille der Geoökonomie zu betrachten“ (S. 159).