John Cassidy

Capitalism and Its Critics

Ausgabe: 2026 | 2
Capitalism and Its Critics

John Cassidy, renommierter Autor des New Yorker und einer der profiliertesten ökonomischen Denker unserer Zeit, hat mit seinem umfangreichen Werk „Capitalism and Its Critics: A History from the Industrial Revolution to AI“ ein Buch vorgelegt, das in keinem wirtschaftswissenschaftlichen Handapparat fehlen sollte. Es bietet eine beeindruckende Gesamtschau der bedeutendsten Denker:innen, die sich über Jahrhunderte hinweg mit den Mechanismen, Fehlentwicklungen und Potenzialen des Kapitalismus auseinandergesetzt haben. Cassidys zentraler Ansatz besteht darin, die Kapitalismuskritik in ihren jeweiligen historischen Kontext einzuordnen. Für ihn ist Kritik kein zeitloses Phänomen, sondern eine unmittelbare Reaktion auf die spezifischen ökonomischen Gegebenheiten und Missstände einer Epoche. So verdeutlicht er, dass selbst ein Urvater der Marktökonomie wie Adam Smith als früher Kritiker gelten kann: Zwar befürwortete Smith das Profitstreben, wetterte jedoch vehement gegen die Monopolbildungen des Frühkapitalismus, wie jene der East India Company.

Das Werk besticht durch seine thematische Breite, die Cassidy in 28 Kapiteln entfaltet. Dabei greift er nicht nur auf das klassische Kanon-Wissen über Karl Marx, Rosa Luxemburg oder John Maynard Keynes zurück, sondern beleuchtet auch oft übersehene Aspekte wie den Zusammenhang zwischen Sklaverei und Kapitalismus, dokumentiert durch die Arbeiten von Eric Williams. Besonders interessant ist Cassidys Beobachtung, dass Kritik nicht zwingend ein „linkes Gesicht“ haben muss: Auch Milton Friedman wird als Kritiker angeführt, der die damalige Form des Kapitalismus aufgrund zu starker staatlicher Eingriffe ablehnte.

Ein roter Faden des Buches ist die Auseinandersetzung mit der Ungleichheit. Cassidy zeigt auf, dass dramatische Unterschiede zwischen Arm und Reich oft erst durch den Druck von Kritiker:innen, Gewerkschaften und politischen Bewegungen gemildert wurden, was wiederum den Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft veränderte. In der Gegenwart sieht Cassidy eine Breite der Kritik, wie sie selten zuvor existierte. Er identifiziert eine Liste systemischer Fehler, die von niedrigen Wachstumsraten und oligarchischer Verteilung bis hin zu politischem Extremismus und einem Mangel an globaler Führerschaft reichen.

Besonders aktuell sind die Kapitel zur digitalen Revolution und Künstlichen Intelligenz (KI). Cassidy warnt davor, auf technologische Selbstheilungskräfte des Kapitalismus zu hoffen. Stattdessen analysiert er, wie KI und Robotik die Arbeitswelt transformieren: Einfache Routinearbeiten verschwinden, während komplexe Aufgaben in Teamstrukturen oder durch Outsourcing gelöst werden, was traditionelle Firmenhierarchien sprengt, weil die Tätigkeiten der Mitarbeitenden in ihrer Komplexität und Differenziertheit nicht mehr überwachbar sind. Diese Jobs werden dann ausgegliedert und nur mehr an Hand ihrer Ergebnisse bewertet. Dies führt zu einem immer größer werdenden Prekariat, das sich durch Einzelaufträge über Wasser halten muss. Die daraus resultierende Unsicherheit wiederum schwächt zunehmend die Nachfrage auf den Märkten. Dennoch entlässt Cassidy die Leserschaft nicht in den Pessimismus. Er präsentiert fundierte Reformperspektiven von Denkern wie Dani Rodrik oder Joseph Stiglitz. Die Vorschläge reichen von Eingriffen in das Lohnsystem und einer stärkeren Förderung frühkindlicher Erziehung bis hin zu einer neuen Besteuerung multinationaler Konzerne (nach dem Ort des Absatzes der Produkte) und Reformen des Patentsystems zum Brechen von Monopolmacht.

Cassidy ist ein glänzend geschriebenes Werk gelungen, das durch eine Vielzahl historischer Referenzen und Einblicke in die Lebensläufe der Kritiker :innen überzeugt. Es macht die Ideengeschichte der Kapitalismuskritik greifbar, und es gibt viel daraus zu lernen.