Caroline Criado-Perez

Unsichtbare Frauen

Ausgabe: 2020 | 4

Es geht um Systeme und Prozesse, die von Männern geschaffen wurden. Und es geht vor allem darum, wie die Ignoranz der weiblichen Perspektive in diesen Systemen vorerst das Leben der Frauen in unserer Welt gefährlicher, einsamer, unglücklicher und sogar tödlicher macht. Darüber hinaus führt sie zu schlechteren politischen, gesellschaftlichen und ökonomischen Entscheidungen. Für Freundinnen und Freunde des ökonomischen Arguments: Es kostet uns Geld, viel Geld. Ganz im Gegenteil, wie zum Beispiel eine zitierte Studie der Universität Yale zur sanitären Versorgung in südafrikanischen Townships zeigt, kann der Einbezug der weiblichen Perspektive die öffentliche Hand über die notwendigen Investitionen hinaus entlasten. (vgl. S. 79f.)

Mit Unsichtbare Frauen liegt das erste Buch von Caroline Criado-Perez in deutscher Übersetzung vor, es folgt dem schon 2015 publizierten, aber bisher nur auf Englisch erschienen Do it like a woman, in welchem ausgewählte Pionierinnen aus unterschiedlichsten Bereichen vorgestellt werden. Die in Brasilien geborene Journalistin und Aktivistin studierte an der Universität Oxford und an der London School of Economics and Political Science englische Literaturwissenschaften sowie Gender Studies. Öffentlich bekannt wurde sie 2012 durch ihren Einsatz für Gleichberechtigung und Diversität in den Medien, für welchen sie 2015 mit dem Ritterorden Officer of the British Empire gewürdigt wurde. 2013 leitete Criado-Perez weiterhin eine Kampagne gegen die Bank of England, die dazu führte, dass seit 2017 mit Jane Austen auch wieder eine historisch bedeutsame Frau auf der Rückseite englischer Pfund-Noten abgebildet wird. Als Grundlage für das hier vorgestellte Werk recherchierte sie über vier Jahre, den Zeitraum nützte sie unter anderem für zahlreiche Interviews mit Expertinnen und Experten.

Eine geschlechterbezogene Lücke in den wissenschaftlichen Daten

Die zentrale These des Buchs ist, dass „eine geschlechterbezogene Lücke in den wissenschaftlichen Daten, eine Gender Data Gap“ (S. 11) existiert, und dass eben diese Lücke eine „dezidiert weibliche Form“ (ebd.) hat. In dem was folgt, schreibt Criado-Perez kein weibliches Pamphlet (wie es an anderer Stelle genannt wurde), sondern viel mehr ein eindrucksvoll recherchiertes Sachbuch, das für alle relevant ist, die unsere Welt gerechter machen wollen. In sechs gesellschaftlichen Bereichen (Alltag, Arbeit, Design, Medizin, Politik, Krisen) prüft die Autorin umfassend die wissenschaftliche Datenlage und zeigt auf, dass uns geschlechterspezifische Daten fehlen – was in der Konsequenz häufig zu schlechteren Entscheidungen führt. Auch veranschaulicht sie, dass in den Fällen, wo geschlechterspezifische Daten existieren, diese oftmals ignoriert werden (z.B. bei Sicherheitstests im Straßenverkehr). An diesen Stellen überrascht und informiert die Offenlegung der Schieflage nicht mehr nur, sie konsterniert. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn die Autorin im Bereich Entrepreneurship schildert, welche respektlosen Erfahrungen Entwicklerinnen von weiblichen Medizinprodukten mit einer von Männern dominierten Investorengruppe machen mussten.  (vgl. S. 232ff.)

Ein herausragendes Sachbuch

Was dieses Buch zu einem herausragenden Sachbuch macht, ist unter anderem die ausgewogene Informationsdarlegung. Dort, wo Beispiele existieren, dass geschlechterspezifische Daten erhoben und berücksichtigt werden, führt Criado-Perez diese an. Beispielsweise bei Quartiersentwicklungsprojekten in Wien (Frauen-Werk-Stadt I-III; S. 71), welche – auf Grundlage geschlechtsspezifischer Daten zur aufgewendeten Zeit für Haushalt und Kinderbetreuung (Frauen verbringen in der Regel doppelt so viel Zeit wie Männer mit unbezahlter Care-Arbeit) – speziell an diesen Bedürfnissen ausgerichtet gestaltet wurden. Criado-Perez‘ Analyse beleuchtet auch, dass Big Data, entgegen vielerlei Hoffnungs- und Erwartungshaltungen, keine Lösung ist, „[w]enn die Zahlen, mit denen die statistischen Algorithmen gefüttert werden, fast die Hälfte der Bevölkerung nicht abbilden“ (S. 415), sondern vielmehr das herrschende System und seine Verzerrungen reproduziert – wie zum Beispiel bei Google geschehen.

Nun haben die meisten von uns nicht dazu beigetragen, dass das System so ist, wie es ist (und Caroline Criado-Perez geht nicht davon aus, dass es bewusst oder absichtlich herbeigeführt wurde), und doch tragen wir eine Verantwortung etwas daran zu verändern, wenn wir in einer gerechteren Welt leben möchten. Der vorgeschlagene Ansatzpunkt ist elegant wie pragmatisch: „Die Datenlücke (…) lässt sich recht einfach schließen, nämlich indem man die Frauen fragt.“ (S.236) Ja, und wahrscheinlich werden wir noch weitere Instrumente brauchen. Ein Buch, dass zum Nach- und Weiterdenken sowie zum Dialog anregt.