Die Erde ist ein selbstregulierendes System, sie kann als ein einziger Organismus betrachtet werden – der Planet und das Leben auf ihm sind ein sich gegenseitig beeinflussendes Ganzes. Das ist der Kern der These, die der britische Wissenschaftler, Erfinder und Öko-Visionär James Lovelock vor 40 Jahren vorgelegt hat. Gaia nannte er dieses komplexeste aller Systeme und erntete dafür neben Zustimmung auch vehementen Widerspruch bis hin zum Esoterikvorwurf. In seinem neuen Buch, seinem vielleicht letzten, wartet der kürzlich 101 Jahre alt gewordene Forscher nun mit einer kaum weniger überraschenden These auf: Er proklamiert den Beginn eines neuen Erdzeitalters und nennt es Novozän. Während die Rede vom Anthropozän als dem ersten menschengemachten Erdzeitalter unter dem Eindruck des Klimawandels allmählich zum Gemeingut wird, ist Lovelock schon eins weiter. Er sieht eine neue Ära im Entstehen, die nach dieser vom Menschen dominierten Periode über diesen hinausweist. Sie ist charakterisiert dadurch, dass neue Lebensformen aufkommen, die sich aus Systemen künstlicher Intelligenz selbst entwerfen und erschaffen. Lovelock nennt sie Cyborgs: Wesen, die „bald tausend und schließlich Millionen mal intelligenter sein“ werden als wir und die ihre überragende Denkfähigkeit auf die eigene Evolution anwenden. Mit ihnen „steuert unsere Herrschaft als alleinige Versteher des Kosmos rasant ihrem Ende zu“, sagt Lovelock. (S. 46)

Lovelock denkt über den Horizont hinaus

Dies ist nicht die Annahme, dass Maschinen die Macht übernehmen. Es ist auch keine Variante der Singularitätsthese, jener vor allem von Ray Kurzweil, dem US-amerikanischen Autor, Erfinder, Zukunftsforscher und Director of Engineering bei Google, vertretenen Auffassung, der Punkt sei nicht mehr fern, ab dem sich selbst modifizierende Computer intelligenter werden als der Mensch und unsere Spezies überflügeln. Das klingt zwar ähnlich wie die Vision Lovelocks, ist aber ein deutlich ärmeres Konzept. Die Singularität definiert lediglich einen technischen Umschlagpunkt und beruht im Grunde auf einer simplen Extrapolation des exponentiellen Wachstums der Rechenleistung technischer Systeme. Lovelock hingegen denkt weiter, denkt über den Horizont hinaus. Für ihn besteht das Neue in einer qualitativen Veränderung. Wir erlebten „eine andere Form von Beschleunigung“ (S. 62). Es ist die Fortsetzung der Evolution mit fortgeschrittenen Mitteln. Aus unseren technischen Erfindungen entstehe eine neue Form von Leben, und das „verwandelt die Evolution vom darwinistischen Prozess der natürlichen Selektion in die durch Menschen oder Cyborgs betriebene absichtsvolle Selektion“ (S. 111). Und eine solche intelligente Selektion sei millionenfach schneller als die natürliche Auslese, führt Lovelock ins Feld – das ist die Beschleunigung, von der er spricht. Er begreift diesen Prozess als die Evolution eines Systems, das sich anschickt, ohne den Menschen seine Mission zu erfüllen. Die bestehe darin, ein intelligentes Universum zu schaffen.

Ein altersweises Buch

Es ist die Verbindung von Demut und Hoffnung, die Lovelocks so altersweises Buch auszeichnet. Demut sowohl gegenüber der Erde als sich selbst regulierendem System wie gegenüber dem Kosmos, der seiner Bestimmung zustrebt. Und Hoffnung, dass unser Beitrag, Wissen und Erkenntnis weiterzugeben, nicht ganz in Vergessenheit geraten wird. „Wir haben unsere Rolle erfüllt.“ (S. 158)