Umwälzung der Erde

Ausgabe: 2009 | 4

Jahrbuch Ökologie und Konflikte um RessourcenDas Jahrbuch Ökologie – seit Jahren unverändert, was die Qualität der Beiträge und die Fachkompetenz der Autoren – von Elmar Altvater bis Harald Welzer, von Günter Altner bis Ban Ki-moon, von Wolfgang Sachs bis Ernst U. v. Weizsäcker, um nur einige zu nennen – betrifft, enthält weit mehr als eine Bestandsaufnahme ökologischer Krisensymptome oder eine Auflistung von bereits Erreichtem. Die aktuelle Ausgabe widmet sich neben einer Analyse des ökologischen Strukturwandels auch der Beschreibung einer Dematerialisierung der Wirtschaft und beschäftigt sich mit einer neuen Balance zwischen Staat und Markt sowie mit einer langfristig tragfähigen Lebensweise. In bewährter Weise verbinden sich seriöse Analysen mit zukünftigen Perspektiven und Innovationen. Nicht verzichten muss der Leser/die Leserin auch diesmal auf die Rubriken „Vor-Denker & Vor-Reiter“, „Umweltinstitutionen“ sowie  „Ökologie in Zahlen“. Die breit gefächerte Themenpalette reicht von Ressourcenkonflikten und Klimakriegen über Grenzen des Wachstums und Fragen der Land- und Ressourcennutzung bis zu geistreichen Überlegungen zur Suffizienz in Konsum und Produktion sowie zum ökologischen Rucksack. Einige der Vorschläge werden Pro Zukunft-LeserInnen zwar durchaus vertraut sein, doch der Blick ins neue Jahrbuch lohnt allemal. Müßig zu erwähnen, dass nicht alle der 36 Fachbeiträge hier entsprechend gewürdigt werden können.

 

Ökologische Rettungspakete

Im Spätherbst 2008 wurde mit starken Worten (des damaligen deutschen Finanzministers Peer Steinbrück) der von Brandstiftern entfachte Großbrand auf dem Finanzmarkt mit einem 500-Mrd.-Euro-Banken-Rettungspaket „gelöscht“. Klimaerwärmung, Wüstenbildung, Wasserknappheit, Verlust an Biodiversität u. a. m. sind dagegen kein Anlass für derartig großangelegte staatliche Löschaktionen. Es ist also nur zu verständlich, dass Friedrich Schmidt-Bleek die derzeitigen Bemühungen zur Einschränkung der Klimafolgen als „die Fortsetzung der alten Umweltpolitik (auf hoher Gefahrenebene)“ charakterisiert und kritisiert (S. 19).

Wege aus der Krise sieht der Erfinder des MIPS-Konzepts (Maß für die Bewertung von Umweltbelastungen eines Produktes bzw. einer Dienstleistung) einzig und allein in der Dematerialisierung  der Wohlfahrtsbeschaffung (um einen Faktor 5), insgesamt durch bessere Technik (effizienter Umgang mit natürlichen Ressourcen) und die Schaffung neuer Werte für die Zivilgesellschaft durch die Vereinbarung von messbaren Zielen mit Zeitfestlegungen. (vgl. S. 21). Schmidt-Bleek, der bereits 1994 in Zusammenhang mit den Themen Ressourcenproduktivität und Dematerialisierung den Begriff „Ökologischer Rucksack“ eingeführt hat, schlägt ein Programm zum Aufbau einer nachhaltigen Wirtschaft vor, das biologisch abbaubare Werkstoffe als Voraussetzung dafür vorsieht, die Energieversorgung von Importen abzukoppeln. Schließlich gelte es, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen an die Gesetze der Natur anzupassen.

 

Wachstum ist nicht alles

Der emeritierte Wirtschaftsprofessor Hans-Christoph Binswanger von der Universität St. Gallen lässt in seinem Beitrag im Abschnitt „Wege aus der Weltkrise“ aufhorchen, wenn er im Gegensatz zum Kredo der neuen deutschen schwarz-gelben Koalition, die das Wirtschaftswachstum als goldenen Weg aus der Wirtschaftskrise formuliert hat, davon ausgeht, dass eine Senkung der Wachstumsraten notwendig ist, um den Ressourcen- und Umweltverbrauch zu bremsen. Weiters konstatiert er, „dass das Wachstum des Sozialprodukts mit der Gefahr von Schäden verbunden ist, die die Funktionsweise der Wirtschaft selbst betreffen“ (S. 12). Das Wirtschaftswachstum werde mehr und mehr mit der langfristigen Knappheit der Natur konfrontiert, „weil die Eigentümer der natürlichen Ressourcen in Voraussicht künftiger Engpässe heute schon höhere Preise verlangen, die morgen zur Verteuerung der Produktion führen“ (S. 15).

Binswanger hält es für unabdingbar, Wachstum durch entsprechende Reformen auf ein Niveau zu senken, das mit den ökologischen Anforderungen kompatibel wird. Gelingen kann dies seiner Ansicht nach zum einen und vor allem durch eine Reform des Geldsystems (die Beschränkung einer Vermehrung des Geldes ins Uferlose), zum anderen durch eine Reform des Aktienrechts (durch Begrenzung der Geltungsdauer der börsennotierten Aktien). Dadurch, so der Autor, ließe sich die Steigerung der Aktienwerte automatisch verringern und der Wachstumsdrang durch Aussicht auf ständige Steigerung des Aktienwerts verhindern. Möglich würde dies allerdings nur mit Unternehmensformen wie Genossenschaften oder Stiftungen mit anderen Zielen als jenen der Gewinnmaximierung.

 

Wege aus der Krise

Für Ernst Ulrich von Weizsäcker resultiert die Finanz- und Wirtschaftskrise zu großen Teilen aus dem Verlust der Balance zwischen Staat und Markt, aus „der Arroganz der Markt-Ayatollahs seit der Wende“ (S. 28). Er fordert deshalb eine neue Synthese, in der

1. die essentiellen Funktionen des Staates gewährleistet und auch finanziert werden,

2. die internationalen Organisationen im Sinne von Global Governance gestärkt werden und

3. die „Frage der Finanzierung globaler Gemeinschaftsgüter und das Erheben globaler Steuern auf die Nutzung dieser Gemeinschaftsgüter“ (S. 32) berücksichtigt wird.

In ihrem interessanten Beitrag zur „Suffizienz als Bedingung für Nachhaltigkeit“ konstatieren Scherhorn/Meyer-Abich, dass wir längst in einer Gesellschaft leben, deren Zusammenhalt in beunruhigender Weise erodiert ist. Es bedürfe daher eines neuen Gesellschaftsvertrages, der eine gerechte Verteilung der Arbeit (der Entwicklung hin zu einer „Tätigkeitsgesellschaft“) und des Einkommens ebenso vorsieht wie die Verbindung der Globalisierung von Kapital, Recht und Wissen mit der Regionalisierung des Wirtschaftens (vgl. S. 179).

Ein weiteres Schwerpunktthema ist der Expansion und Effizienz von erneuerbaren Energien gewidmet. Dabei wird etwa auf das niedersächsische Bioenergiedorf Jühnde hingewiesen, das seinen Strom- und Wärmebedarf durch die Nutzung von erneuerbarer Energien komplett selbst deckt.

Insgesamt sind die Beiträge von der Hoffnung geleitet, dass durch die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise mehr Menschen begreifen, dass die bisherigen Produktions- und Konsummuster nicht nachhaltig sind. Kraemer/ Meyer-Ohlendorf/Gerstetter erinnern in diesem Zusammenhang an die Kraft des „Marshall-Plans“, der von der Vision eines wiedererrichteten Europas geleitet war. Heute bräuchte es wieder eine solche Vision für einen „Global Green New Deal“.

Das neue Jahrbuch Ökologie enthält ein wahres Feuerwerk an machbaren Vorschlägen für eine zukunftstaugliche Entwicklung, von der Beschränkung der Macht der Märkte bis hin zur Ausgestaltung einer Erwerbswirtschaft, die nur produziert, was wir wirklich brauchen. A. A.

Bei Amazon kaufenUmwälzung der Erde. Konflikte um Ressourcen. Jahrbuch Ökologie 2010. Hrsg. v. Günter Altner … Stuttgart: S. Hirzel, 2009. 249 S., € 19,80 [D], 20,40 [A], sFr 34,65; ISBN 978-3-7776-1768-8