Christian Zeller

Revolution für das Klima

Online Special

Der Wirtschaftsgeograf und Experte für Global Studies Christian Zeller argumentiert schlüssig, dass viele in der Klimabewegung aktive Menschen unterschätzen, „wie umfassend die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen sein müssen, um die Klimaerwärmung wirklich zu begrenzen.“ (S. 8) Ausgehend von den Szenarien des aktuellen IPCC-Berichts 2018 zum 1,5 Grad-Ziel, hält Zeller eine globale Reduktion der Treibhausgase bis 2030 um 60 Prozent für nötig. 2050 müssten wir bei null Emissionen sein, um Kippeffekte zu vermeiden. Seine zentrale These: die ökologische Krise ist Ausdruck des Spannungsverhältnisses zwischen den planetaren Grenzen des Wachstums und der endlosen Akkumulationsdynamik des Kapitals: „Ein grüner Kapitalismus ist ein Widerspruch in sich.“  (ebd.). Notwendig seien ein Um- und Rückbau der Produktion, die Orientierung an der Grundversorgung und den öffentlichen Infrastrukturen sowie geänderte Eigentumsverhältnisse. Es gehe darum, Gebrauchswerte zu schaffen, ökologische Grenzen zu beachten und die Selbstermächtigung der Produzierenden voranzubringen: „Wir brauchen eine Gesellschaft, die weniger und anders produziert, weniger transportiert, mehr Sorge für die Menschen und die Natur trägt, den gesamten Reichtum teilt und gemeinsam entscheidet.“ (S. 12). Die Gütererzeugung, die Landwirtschaft, der Verkehr und das Finanzsystem seien grundlegend umzubauen und die gesellschaftlichen Infrastrukturen – Gesundheit, Pflege, Sorge und Bildung – auszuweiten. Die Rüstungsausgaben sollen gestoppt, Rüstungsunternehmen auf zivile Produktion umgestellt werden. Dafür würden in der Landwirtschaft und im Bereich sozialer Dienstleistungen mehr Menschen beschäftigt.

Zeller setzt auf die Kooperation der Klimabewegung mit sich neu erfindenden Gewerkschaften und politisierten Belegschaften, letztlich hofft er auf einen „Ökosozialismus“, in dem gemeinschaftlich über die Produktion bestimmt wird: „In einer ökosozialistischen Gesellschaft entscheiden die frei assoziierten Arbeitenden, Konsumierenden und BürgerInnen, welche Sektoren der Wirtschaft sie ausweiten wollen und welche Produktionsbereiche zu reduzieren oder ersetzen sind.“ (S. 67) Da die Besitzerinnen und Besitzer von Unternehmen zwar Zugeständnisse machen und begrenzt Auflagen erfüllen würden, einer konsequenten ökologischen Normierung der Produktion jedoch aufgrund des Akkumulationszwangs nie zustimmen würden, müsse letztlich „auch die Eigentumsfrage in Hinblick auf die Produktionsmittel“ gestellt werden (S. 100).

Wie gelingt die Transformation?

Das Buch macht deutlich, dass der Klimawandel nur noch mit einer grundlegenden Umsteuerung des Wirtschaftens eingebremst werden kann. Doch ist es realistisch und auch sinnvoll, dafür die Eigentumsverhältnisse derart radikal umzustellen? Sollen wir nicht besser die Stärken einer Marktwirtschaft und eines freien Unternehmertums für die Transformation nutzen? Der Weg wäre dann evolutionär statt revolutionär. Zeller glaubt wohl selbst nicht zur Gänze an die große Revolution, weil er zahlreiche Detailvorschläge unterbreitet, wie das System schrittweise verändert werden müsste: von einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung, einem ausgeweiteten Mutter- und Vaterschaftsurlaub sowie einer Senkung des Rentenalters über die Einführung von Maximalgehältern und die Abschaffung von Vergütungen durch Aktien bis hin zu einem Umbau der Städte mit leistbaren Wohnungen und einer attraktiven Infrastruktur für alle. Es bleibt aber das Verdienst des Autors, dass er auf die Notwendigkeit grundlegenderer Umsteuerungen verweist. Vielleicht erhält das bereits in den 1970er-Jahren diskutierte System einer „dualen Wirtschaft“ mit einem stark ausgeweiteten öffentlichen bzw. gemeinwohlorientierten Sektor bei gleichzeitiger Schrumpfung der ökologisch destruktiven Sektoren angesichts der aktuellen Krisen, die den Staat rehabilitieren, neue Umsetzungschancen. Der Shahreholder Value-Kapitalismus würde zurückgedrängt, die Marktwirtschaft (wieder) Fuß fassen. Ein Selbstläufer ist auch das freilich nicht. Notwendig sind zivilgesellschaftlicher Druck, die Dekonstruktion von Mythen wie die scheinbare Alternativlosigkeit des gegenwärtigen Systems und öffentliche Debatten über Neuansätze. Dazu liefert Zellers Buch einen wichtigen Denkanstoß.