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Mit Blick auf die weitgehend unstrittigen Krisensymptome ist Shiva dagegen, das Modell der Industriegesellschaft auf die Entwicklungsländer zu übertragen. Dieses Ziel verfolgen multinationale Konzerne und einige internationale Organisationen: die Weltbank, der Internationale Währungsfond (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO). Globalisierung, so wie sie von diesen Organisationen verstanden und gewünscht wird, lehnt Shiva ab, denn Globalisierung ist für sie gleichbedeutend mit „Ökoimperialismus“: „Globalisierung ist in Wirklichkeit die Globalisierung der energieintensiven, Ressourcen verschleißenden, erdölgetriebenen Industrialisierung unserer Produktions- und Konsumptionsweise. Globalisierung zwingt der Welt Unnachhaltigkeit auf. Die Akteure sind nicht die einzelnen BürgerInnen oder die einzelnen Länder. Es sind die globalen Unternehmen, welche ihre Produktionsabteilungen weltweit dahin verschieben, wo sie mit den niedrigsten Kosten die höchsten Profite erzielen können“ (S. 33). Um die CO2-Emissionen zu kontrollieren, wurden im Kyoto-Protokoll Emissionsrechte an 38 Industrieländer vergeben, und es wurde erlaubt, mit diesen Rechten zu handeln. Für die Autorin sind solche Regelungen absolut wirkungslose Mittel gegen die Verschmutzung der Atmosphäre. Alleine in Europa wurden 11.428 industriellen Betrieben Emissionsrechte gewährt. Durch die Möglichkeit, mit diesen Verschmutzungsrechten zu handeln, eröffnet sich manchen die Chance, Milliardengewinne zu machen, so Shiva. Es ist deshalb allzu plausibel, dass unter den Bedingungen eines liberalisierten Handels und einer wirtschaftlichen Globalisierung die Klimaveränderungen nicht gestoppt werden können.

 

Ein nachdenklich stimmender Abschnitt ist der indischen Verkehrspolitik gewidmet: In absehbarer Zeit werden 216 Millionen Inder aus der Mittelschicht ein Auto besitzen. 1981 gab es 5,4 Millionen, 2005 bereits 85 Millionen Autos. Nur 2.500 US-Dollar wird der „Nano“, das indische Miniauto, kosten. Shiva vergleicht die Ziele indischer Straßenbaupolitik mit jenen der Nationalsozialisten: „Nazideutschland setzte die Autobahnen dazu ein, um Vielfalt, Autonomie und Dezentralisierung zu vernichten…“ (S.110). In der Dritten Welt sind Zugtiere eine Mobilitätsalternative. 300 Millionen Zugtiere, darunter Elefanten, Kamele, Esel, Pferde und Ochsen dienen weltweit den Menschen, ohne der Umwelt zu schaden.

 

Vehement fordert die Autorin eine Nachhaltigkeit „von unten nach oben“ als Form lebendigen Wirtschaftens ein. (vgl. S. 230)

 

Shivas Idee von „Erddemokratie“ entspricht dezentralen demokratischen Strukturen, in denen Essen, Trinken, Mobilität und Arbeit in lokale Ökosysteme eingebettet werden. Der Übergang von der zerstörerischen Industriegesellschaft ins Post-Erdölzeitalter könne nur von freien und selbstorganisierten Bürgern und Gemeinschaften erreicht werden. Wir müssen eine „Karbon-Demokratie“ schaffen, ist Shiva überzeugt, „damit alle Lebewesen ihren gerechten Anteil an nützlichem Kohlenstoff haben und niemand mit einer ungerecht großen Menge der durch CO2 verursachten Klimaauswirkungen belastet wird“ (S. 228).

 

Bestandteil einer biologisch vielfältigen Wirtschaft als Alternative zur Erdölwirtschaft ist auch, dass wir unsere Wahrnehmung körperlicher Arbeit ändern und den Ersatz von Menschen durch Maschinen nicht weiter als Befreiung betrachten. Wir müssen, so Shiva, das menschliche Arbeitspotenzial (spirituell, emotional, intellektuell und physisch) in die Energiegleichung und in das Leben von Menschen zurückholen, denn es sei sozial nicht nachhaltig, den Menschen die Arbeit wegzunehmen. Vor allem gelte es, unsere kreativen Energien zu entfesseln, um einen Systemwechsel zu bewirken und unsere Zukunft als Gattung zurückzugewinnen. A. A.

 

Shiva, Vandana: Leben ohne Erdöl. Wirtschaft von unten gegen die Krise von oben. Zürich: Rotpunktverl., 2009. 260 S., € 19,50 [D], 20,10 [A], sFr 33,10

 

ISBN978-3-85869-405-8