Die Autorin war fünf Jahre alt, als der 2. Weltkrieg ausbrach, als Todesangst auch außerhalb der KZs ein alltägliches Lebensgefühl war. Ihre und unsere Gegenwart ist wiederum in einem "Alarmzustand" in dem Besinnung zu einer Überlebensfrage wird. Um die damaligen wie heutigen Machtansprüche in Politik, Berufs- und Privatleben kreisen die Ausführungen der Psychoanalytikerin Bassyouni: Sie macht deutlich, welch unterschiedliche Entwicklungsvorgänge dem Streben nach Macht und dem Streben nach Autonomie zugrunde liegen. Kann sich Autonomie nicht entwickeln, tritt das Streben nach Macht an ihre Stelle und wird im Bewusstsein zur einzigen Garantie für das Überleben. Die daraus resultierenden Verzerrungen der Wahrnehmung in uns selbst und in anderen sind letztlich ein "verinnerlichter Kriegszustand"; es gilt zu erkennen, "dass unser Sein auf Schein aufgebaut ist, auf dem Schein der falschen Identität in der Gleichschaltung mit dem Mächtigen - nicht mit dem, was wir lieben, was uns glücklich machen könnte." Der Weg der Selbstbehauptung über Machtstreben, Unterdrückung und Vernichtungsdrohung geht u.a. auf das bis zum Ende des 2. Weltkrieges herrschende Erziehungsideal "aufs Wort zu parieren" zurück; dieser absolute Gehorsam hat mit Militarismus und Unmenschlichkeit zu tun, dem Absterben der Mit-Gefühle, eskaliert in der Frage nach Sieg oder Untergang. Von dem Leitspruch" Was die Obrigkeit tut, ist wohlgetan" und seinen Ursachen über die Darstellung des totalen Zusammenbruchs aller Machtwerte im Jahre 1945 "wenn der starke Vater fehlt" - gelangt die Autorin zur Symptomatik der Nachkriegsgeneration, zu deren Suche nach einem überzeugenden Verhaltensbild. "Mitgefühl statt Macht" - in diesem Sinne hat sich ein Paradigmawechsel vollzogen, in dem die Früchte des Zorns nicht gleichermaßen geerntet und gefürchtet. sondern die Wurzeln des Zorns endgültig gekappt werden. 

 Bassyouni, Christiane: Macht oder Mündigkeit. Wenn der Wille nicht mehr gebrochen werden muss. Über den Zwang zum Gehorsam und die Sehnsucht nach Autonomie. Ein Beitrag aus der psychoanalytischen Praxis zum Thema "Warum Krieg?". Frankfurt: VAS, Verl. f. Akad. Sehr., 1990. DM 39,-lsFr 33,401 öS 304,20