Dies ist wahrlich kein Text, den man nur schnell überfliegen könnte, auch wenn der Autor beteuert, er habe sich bemüht, seine „Theorie so darzustellen, daß sie auch von Politikern, Diplomaten und anderen, die täglich mit den Dynamiken von Großgruppen zu tun haben, verstanden werden können“ (48). Anhand zahlreicher (zeit)geschichtlicher Beispiele macht der Autor klar, welchen Faktoren Politiker und Führerfiguren vielfach ausgesetzt sind und wie regionale und überregionale Konflikte häufig „mit den inneren Welten der Entscheidungsträger zusammenhängen“ (21).

Volkan verwendet das Bild von den sieben Fäden, aus deren Gewebe sich der Stoff für das ethnische Zelt zusammensetzt, und deren Beschreibung den Kern des Buches bildet. Der zentrale dieser Fäden ist der fünfte: die gemeinsam gewählten („ewigen“) Traumata, die sich oft über Jahrhunderte in Wiegenliedern, Mythen usw. fortsetzen und auf diese Weise einer Großgruppe einen Opferstatus zubilligen und revanchistische Aggressionen legitimieren.

Eine der Stärken des Titels ist die um strikte Objektivität bemühte Position des auf amerikanisch schreibenden, türkischstämmigen Verfassers. Die tiefenpsychologische Beleuchtung des Innenlebens eines amerikanischen Militaristen oder die spekulative Verirrung amerikanischer Präsidenten wird genauso wenig ausgespart wie der Versuch, sich der Individualpsychologie eines Atatürk oder eines Miloševic anzunähern.

Daß es gerade die kleinen Unterschiede ansonsten sehr ähnlicher Großgruppen sind, die folgenreiche Ängste und Aggressionen auslösen, führt der Autor mit guten Argumenten auf die mangelnde Integration von „Selbst- und Objektbildern“ zurück. Insbesondere unter Belastungen und Spannungen brechen in Friedenszeiten als überwunden geltende Verhaltensweisen, Identifikationsmuster (z. B. Großgruppenrituale) und Reaktionen wieder auf. Einseitigkeit bei dem Versuch, die ein existentielles Ausmaß erreichende Bindung an Symbole und nationale Identitäten psychoanalytisch zu erklären, verhindern allein schon das weitreichende politische und zeitgeschichtliche Wissen und einschlägige diplomatisch vermittelnde Praxis des Autors. Insbesondere die abschließenden Kapitel geben Einblick in praktische Erfahrungen des von Volkan 1988 gegründeten „Center for the Study of Mind and Human Interaction“ (CSMHI) etwa auf Zypern, Estland, und in Nahost. Ein gemäß dem interdisziplinären Ideal aus Psychologen, Historikern und Diplomaten bestehendes Mittlerteam, das „vermeidet [...] Partei zu ergreifen“ (235), versucht das für Großgruppenkonflikte unverzichtbare Schwarzweißschema und die daraus resultierende „Wir“- und „Sie“-Dichotomie aufzubrechen und mit den einer „inoffiziellen Diplomatie“ zur Verfügung stehenden Mitteln ein Klima zu schaffen, das „gelingender Demokratie“ förderlich ist.

B. Ö.

Volkan, Vamik D.: Das Versagen der Diplomatie. Zur Psychoanalyse nationaler, ethnischer und religiöser Konflikte. Gießen: Psychoszial-Verl., 1999. 279 S., DM 48,- / sFr 44,50 / öS 350,-