Wir leben, so der umfassend abgesicherte Befund der Münchener Psychoanalytikerin Thea Bauriedl, in "kollektiver Gefühlsunsicherheit", sind in "grenzenlosen Beziehungen" primär an anderen (und anderem) orientiert, anstatt die eigenen Wünsche, Erwartungen und Ängste zur Richtschnur unseres Denkens und Handelns zu machen. Sucht, Verunsicherung, Destruktivität sind die Folge dieser psychischen Deformation, die Schauplätze des Elends so gut wie allgegenwärtig: Paarbeziehungen, Familien, therapeutische Strukturen, Wirtschaft und Politik. Allenthalben ortet Thea Bauriedl, die ihr Anliegen einer Politischen Psychoanalyse hier in Form einer "generellen Beziehungstheorie" bündelt, "Grenzenlosigkeit" bzw. "G Grenzüberschreitung" als "Grundform jeder verbalen und nonverbalen Gewalt" und benennt zugleich die Richtung, die - auf lange Sicht - Besserung und Heilung ermöglichen sollte: An die Stelle des Entweder - Oder ("Bewältigungswissen") gilt es ”Erhaltungswissen" zu fördern, ein Wissen, geprägt vom "Ja zum anderen", das in Respekt vor den eigenen wie den Grenzen des Gegenüber Freiheit entfaltet und zuläßt.   In drei Themenkreisen (Beziehungen in Familien, psychotherapeutischen Beziehungen [die Autorin erweist sich als kritische Beobachterin der eigenen Zunft] bzw. ökologischen Beziehungen) zeigt Bauriedl, wie eine Stärkung des Ich-Bewußtseins, verbunden mit der Bereitschaft zu ehrlicher, wo nötig auch streitbarer Auseinandersetzung ("Konflikttoleranz"), die Qualität des Zusammenlebens nachhaltig verbessern könnte. Niemals vermittelt sie dabei Anweisungen oder Rezepte, sondern aus Erfahrung gewachsene Vorschläge mit dem Ziel, "Leben in Beziehungen zu erhalten oder wieder möglich zu machen". "Nicht grenzenloses Wachstum, sondern das Wachstum der Grenzen" ist die Voraussetzung dafür, dem "Zustand kollektiver Suizidität" entgegenzuwirken. Der "Lähmung im Geschwindigkeitsrausch" und "allgemeiner Rat- und Orientierungslosigkeit, in der unsere Politiker kaum mehr etwas zu bewegen wagen", setzt die Autorin die Hoffnung auf das Wachsen demokratischer Beziehungsstrukturen entgegen. In der Verbindung von Verantwortung und Freiheit könnte eine (in "Beziehungsräumen" auch konkret einzuübende) prozeßorientierte Ethik normativen Moralvorstellungen Platz machen und strukturelle Veränderungen (persönlich wie politisch) zur Folge haben. Um in Zukunft nicht die Zerstörung, sondern die Erhaltung des Lebens zu subventionieren, plädiert Thea Bauriedl für das Prinzip der Eindeutigkeit (insbesondere von Gesetzen) und die konsequente Umsetzung des Verursacherprinzips, da dieses dem Bedürfnis nach Gerechtigkeit entspricht. Oder hat sich - so die Autorin in diesem gleichermaßen sensiblen wie streitbaren Beitrag zur Heilung klaffender Wunden der Zeit - "die Phantasie schon unaufhaltsam ausgebreitet daß nur diejenigen überleben werden, die sich das (vorläufige) Überleben leisten können?" W Sp.

Bauriedl, Thea: Leben in Beziehungen. Von der Notwendigkeit, Grenzen zu finden. Freiburg iu. e]: Herder. 1996. 160 S., DM 15,80/ sFr / öS 117