"Während der Begriff ,Land' in unseren Breiten vor allem mit Grundstückspreisen und Bauvorhaben also seinem Marktwert - assoziiert wird, bedeutet er für die indigenen Völker Lateinamerikas Lebensgrundlage, Um- und Mitwelt. Land ist Grundvoraussetzung für ein menschenwürdiges Überleben und eng verknüpft mit der Kultur einer Gemeinschaft." Die Herausgeberinnen dieser Erfahrungsberichte Betroffener mit sozial- und politikwissenschaftlichen Analysen verbindenden Bandes bringen damit das Grundanliegen der indigenen Völker zum Ausdruck: Weltweit geht es mehr als 300 Mio. Menschen u. a. darum, über ihr Land selbst bestimmen zu können.

Der Darstellung einer Deklaration über die Rechte indigener Völker, die aller Voraussicht nach bei der 51. Sitzung der UN-Menschenrechtskommission im Februar 1995 angenommen wird, folgt die Einordnung der indigenen Rechte in die allgemeinen Menschenrechte durch den mexikanischen Soziologen Rodolfo Stavenhagen, der insbesondere auf die gegenseitige Bedingtheit individueller und kollektiver Menschenrechte verweist. Mit Blick auf die zerfallende Staatlichkeit in vielen Ländern des Südens, denen neben der Zunahme von Bürgerkriegssituationen auch neue, von unten gewachsene soziale, naturrechtliche Ordnungen folgen, stellt der Politologe Wolfgang Dietrich die normative Festlegung der Menschenrechte in positivem Recht europäischer Tradition in Frage, da ein menschenrechtlicher Grundkonsens sich nur in "radikalem Pluralismus" finden lasse. Sein Berufskollege Othmar Höll problematisiert aus ökologischer Perspektive den herkömmlichen Entwicklungsbegriff und das daraus abgeleitete" Recht auf Entwicklung". Nicht die Verfolgung einer "einzigen, universellen Strategie", sondern vielfältige, Kultur und Natur versöhnende Wege seien einzuschlagen, wobei einer "tiefgreifenden Strukturveränderung in den Industriestaaten" der wichtigste Part in der Erlangung tatsächlicher Nachhaltigkeit zukomme.

Den Lebensbedingungen, Gefährdungen und Forderungen der indigenen Völker Lateinamerikas ist der zweite Teil des Buches gewidmet; Erfahrungsberichte werden dabei ergänzt durch Übersichtsdarstellungen zu den Ländern Ecuador, Venezuela und Brasilien, Das Wiedererstarken von Dorf- und Betroffenengemeinschaften beschreibt der Sozialanthropologe und Journalist Leo Gabriel am Beispiel Nicaraguas. Er sieht darin den Beginn einer erwachenden Zivilgesellschaft. Was er als "Indianisierung" der Volksbewegungen in Lateinamerika bezeichnet. beschränke sich nicht auf die indigenen Völker allein, sondern ergreife alle "Marginalisierten", die beginnen, ihr Leben selbst zu organisieren. Die gemeinsamen 'Symbole der meist nur lose vernetzten Organisationen seien “tierra" (Land), “trabajo " (Arbeit) und "comunidad" (Gemeinde). Sie finden sich auch in den von den Indigenen-Vertretern verfaßten Beiträgen dieses um eine neue Sichtweise von Entwicklung und Selbstbestimmung bemühten Bandes wieder.

H. H.

Tierra-indigene Völker, Umwelt und Recht. Hrsg. v. Doris Cech ... Frankfurt/M. (u.a.): Brandes & Apsel (u.a.), 1994.181 S. DM 25,-/sFr 21,-/ öS 198,-