Andreas Malm, Wim Carton

The Long Heat

Ausgabe: 2026 | 3
The Long Heat

Mit „The Long Heat“ legen Wim Carton und Andreas Malm eine ebenso monumentale wie provokante Analyse der gegenwärtigen Klimapolitik vor. Das Buch setzt dort an, wo viele Debatten enden: bei der unbequemen Einsicht, dass die globale Erhitzung bereits ein kritisches Stadium erreicht hat und die primäre Strategie, der Klimakrise mittels Emissionsminderungen entgegenzuwirken, bislang gescheitert ist. Den Gründen dafür gingen die Autoren in ihrem Vorgängerwerk „Overshoot“ nach. Darin zeigten sie, wie die Profitorientierung im Kapitalismus den Ausstieg aus fossilen Energieträgern untergräbt. Im vorliegenden Buch rücken sie die Frage in den Mittelpunkt, welche politischen und technologischen Strategien in einer „zu späten“ Phase der Klimakrise überhaupt noch denkbar sind.

Im Zentrum der Argumentation steht eine fundamentale Kritik an sogenannten technischen Lösungen wie Geoengineering oder großskaliger CO₂-Entnahme. Carton und Malm zeigen, dass diese Ansätze häufig als vermeintliche Rettung präsentiert werden, tatsächlich jedoch bestehende Machtverhältnisse stabilisieren.

Besonders eindrücklich ist die Art und Weise, wie das Buch konkrete Beispiele solcher Technologien beschreibt und zugleich dekonstruiert. Von futuristischen Maschinen zur CO₂-Absorption bis hin zu Eingriffen in die Atmosphäre entfalten die Autoren ein Panorama technokratischer Fantasien, die oft zwischen Größenwahn und Verzweiflung oszillieren. Solche Technologien – wie die Reduktion der Sonneneinstrahlung durch riesige Spiegel im Weltall, die Injektion von Schwefeldioxid in die Stratosphäre, oder die Aufhellung mariner Schichtwolken – sind oft mit beachtlichen Unsicherheiten und Risiken verbunden. Oft liegt das Problem auch in der mangelnden Skalierbarkeit: während viele Technologien es zwar schaffen, einige Tonnen CO₂ aus der Atmosphäre zu absorbieren, sind sie nicht dazu imstande, einen substanziellen Beitrag zur Emissionsreduktion zu leisten.

Auch „natürliche“ Lösungen wie das großflächige Anpflanzen von Bäumen sind mit Problemen verbunden. Diese Flächen könnten dann nicht mehr für die Nahrungsmittelproduktion eingesetzt werden, was Knappheiten und steigende Preise zur Folge hätte. Die Autoren zitieren eine Studie, wonach zusätzlich rund 440 Millionen Menschen im globalen Süden Hunger leiden müssten, wenn genügend Bäume gepflanzt würden, um den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad zu begrenzen (S. 150).

Die Autoren betonen, dass sie technologische Ansätze zur Lösung der Klimakrise nicht grundsätzlich ablehnen. Ganz im Gegenteil, die derzeitige Situation dürfte dies sogar erfordern. Anstatt technologische Lösungen kategorisch abzulehnen oder als Allheilmittel zu feiern, sollten Technologien jeweils in ihrer konkreten Form geprüft werden – was Carton und Malm im vorliegenden Buch auch eingehend tun. Zudem weisen sie darauf hin, dass solche Technologien nur in Kombination mit möglichst raschen und drastischen Emissionsminderungen Sinn machen. Viele der beschriebenen Projekte zielen nämlich nicht darauf ab, den Emissionsausstoß zu beenden, sondern vielmehr deren Folgen zu verwalten.

Technologische Schnelllösungen sind somit keine Alternative zu radikalen gesellschaftlichen Veränderungen. Stattdessen fordern Malm und Carton eine politische Wende, die das fossile Wirtschaftssystem grundlegend infrage stellt und kollektive, demokratisch kontrollierte Maßnahmen in den Vordergrund rückt.