Philipp Staab

Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus

Ausgabe: 2026 | 3
Systemkrise. Legitimationsprobleme im grünen Kapitalismus

„Warum gelingt es der ökologischen Modernisierung nicht, als erstrebenswertes Projekt gesellschaftlicher Erneuerung wahrgenommen zu werden?“ (S. 10f.) Weil die vorherrschenden Lebensstile der unterschiedlichen Mittelschichten nicht mit den sozialen und ökologischen Modernisierungsnotwendigkeiten Schritt halten. So ließe sich zugespitzt die gegenwärtige Systemkrise zusammenfassen, wie sie Philipp Staab in seinem gleichnamigen Buch ausführt.

Zur Darlegung der Legitimationsprobleme im grünen Spätkapitalismus, so der Untertitel des Buches, bietet Staab einen breiten Beschreibungs- und Erklärungsrahmen an. Hierzu gehören eine Matrix der Staatlichkeit, die zwischen kapitalistisch und nichtkapitalistisch sowie planetar und national unterscheidet; eine Berücksichtigung der Klassen- und Kulturthese (soziale Ungleichheiten und normative Lebenswelten) und die aus seinem Buch „Anpassung“ (2022) bekannte Unterscheidung von individuell-kollektiver Selbstentfaltung (im Sinne

einer transformativen Zukunftsgestaltung) und Selbsterhaltung (im Sinne einer Verlängerung gegenwärtiger Errungenschaften). Diesen Rahmen verknüpft Staab theoretisch mit Habermas‘ „Legitimationsproblemen im Spätkapitalismus“, seiner zentralen Referenz, die sich durch das Buch zieht. Die aktuellen Legitimationsprobleme erzeugen „politische Subjekte, die weder den Hoffnungen der ökologischen Klassenanalyse noch denen des kulturellen Aufbruchs im Geringsten ähneln. Weder entsteht eine emanzipatorische ökologische Klasse noch erfüllt die sogenannte Zivilgesellschaft die Aufgabe der Erneuerung. Stattdessen kippt die Modernisierung in Restauration“ (S. 34).

Das Buch beginnt mit einem Rückblick auf die „ursprüngliche Krisentheorie des Spätkapitalismus“ seit den 1970er Jahren, um an die gegenwärtigen Krisendynamiken der Umweltprobleme anzuschließen. Vor diesem Hintergrund werden dann die Widersprüche der (deutschen) Umwelt-, Klima- und Nachhaltigkeitspolitik seziert, die als theoretische und empirische Begründung für einen Übergang von einer „regressiven“ zu einer „restaurativen“ Modernisierung dienen. Das abschließende Kapitel widmet sich den politischen Konsequenzen der aktuellen Legitimationsprobleme.

Innerhalb dieses Beschreibungs- und Erklärungsrahmens sowie auf der Grundlage einer umfangreichen empirischen Untersuchung destilliert Staab drei Lebenswelttypen, die die Legitimationsprobleme als multipel charakterisieren. In der „Lebenswelt der Abwehr“ dominieren Muster der Problemexternalisierung an die Politik und eine fatalistische Grundhaltung. Die „Lebenswelt des Kapitals“ repräsentiert eine ressourcenökonomische Nachhaltigkeitshaltung mit einer Zuversicht in technologischen Fortschritt, einen Glaubens an ökologisch-ökonomische Nutzungseffizienz und an den sozialen Marktliberalismus. Die „Lebenswelt des Engagements“ setzt auf überzeugte Einschränkung der kapitalistischen Marktlogik, um die globalen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Selbsterhaltung findet hier ihren sichtbaren Ausdruck – allerdings deutet die Charakterisierung der „Engagierten“ nicht auf eine Einschränkung ihrer Selbstentfaltungswünsche hin.

Aus diesen Überlegungen leitet Staab einen Übergang von einer „regressiven Modernisierung“, die von gleichzeitigen Emanzipations-gewinnen und Partizipationsverlusten gekennzeichnet war, zu einer „restaurativen Modernisierung“, die sich an das überkommene Wohlfahrtsversprechen der Selbstentfaltung klammert. Weder die Klassen- noch die Kulturthese sind für eine Interpretation der Systemkrise hinreichend. So weit ist Staabs Analyse schlüssig. Daraus den Schluss zu ziehen, notwendige Selbsterhaltung durch Anpassung an ökologische Determinanten marginalisiere zwingend das vormals herrschende Selbstentfaltungsparadigma (S. 185), wirkt in seiner Generalisierung doch recht reduktionistisch. Zu fragen bliebe u. a.: wer treibt dann künftig den sozialen Wandel voran? Nicht-angepasste Minderheiten? Wohl kaum.

Auch die angesprochenen Reproduktionsmechanismen – der biologisch-materielle, der soziale und der kulturelle – tragen nicht unbedingt zu diesem dichotomen Interpretationsmuster bei. Warum werden Selbstentfaltung und Selbsterhaltung in einen Gegensatz gebracht? Sie variieren vielmehr zwischen sozialen Klassen. Auch stehen alle drei Reproduktionsmechanismen in (nicht-kausalen) Bedingungs-zusammenhängen, die Schnittmengen mit durchlässigen Grenzen und ambivalenten Herrschaftsverhältnissen herausbilden, die räumlich, zeitlich und sozialstrukturell variieren. Die weiter steigenden Konsumniveaus und die „systematische Externalisierung ökologischer Schäden“ (S. 92) lassen sich auch mit einer Zusammenführung von Selbsterhaltung und Selbstentfaltung schlüssig erklären.       

Gleichwohl erweitert das Buch das Verständnis für die nuancierten Werthaltungen im Prozess einer voranschreitenden sozial-ökologischen Transformation marktliberaler Gesellschaften und bietet einen Diskursraum für weitere Diskussionen jenseits vereinfachender Polarisierungen.