Der Herausgeber, Professor am Pädagogischen Institut der Universität Melbourne, versucht in dieser Schwerpunktnummer von "Futures", einen Überblick über den heutigen Status der Zukunftsforschung zu geben. Er schickt seinem ebenso ehrgeizigen wie wichtigen Unterfangen relativierend voraus, daß der Erkenntnisstand der Zukunftsforschung nicht umstrittener oder solider ist als der vieler anderer Forschungsgebiete. "Die Zukunftsforschung mag eine Wissenschaftsdisziplin im engeren Sinn sein oder nicht; feststeht, daß sie brauchbare Erkenntnisse liefert und für eine wissenschaftliche Annäherung an die Zukunft nützlich ist." Slaughter sieht eine Beschäftigung der Zukunftsforschung vor allem mit sechs Schichten:

  • mit Sprache, Begriffen und Metaphern;
  • mit Theorien, Ideen und Vorstellungen;
  • mit der Literatur (wobei er einen" harten Kern" von " etwa 200 Schlüsselwerken" nennt); 4) mit Organisationen, Netzwerken und Anwendern;
  • mit Methoden und Verfahren und
  • mit sozialen Bewegungen und Innovationen.

Sieben längere Beiträge führen diese Schlüsselbereiche aus, Sohail Inayatullah beschreibt drei Referenzrahmen (den prognostischen, den interpretatorischen, den kritischen), entwickelt Archetypen der Zukunft (wie Wachstum, Zusammenbruch, Rückwendung zur Vergangenheit, Transformation) und zählt 20 Metaphern der Zeit auf (z.B. Generation, Lebenszyklus, geologische und kosmische Phasen usw.). Martha J. Garett skizziert die Stufen von Zukunftsprojekten und von Zukunftsstudien (Informationssammlung, Bestimmung von Schlüsselvariablen, Entwurf von Szenarios, Auswahl von Strategien usw.). Richard Slaughter definiert drei zentrale Aktivitätsbereiche zukunftsgerichteter Aktivitäten (Zukunftsforschung, Zukunftsstudien, Zukunftsbewegungen) und formuliert Schlüsselkonzepte wie Wahlmöglichkeit, Nachhaltigkeit, Metaebenen, das Prinzip der Voraussicht und die Grenzen des Wachstums). (... ) Hazel Henderson weist auf Bürgerbewegungen als Frühwarnsysteme hin, die Trends vorausnehmen. Rolf Homann und Peter H. Moll geben einen Überblick über die Zukunftsinstitutionen im Westen und konstatieren dabei einen "überraschenden Mangel an Zusammenarbeit", was sie zu Zweifeln am Management der meisten dieser Organisationen veranlaßt. Das Sonderheft enthält außerdem noch zehn kleinere Essays. U.a. erörtert W. Basil McDermott einige Schwierigkeiten bei der Erarbeitung neuer Erkenntnisse wie das Auftreten von Komplexitäten und von vorher nicht sichtbaren Problemen. Michel Godet warnt davor, die prognostische Forschung auf das Erstellen von Szenarios zu reduzieren. (... ) Eleonora Barbieri Masini und Samar Ihsan heben die Rolle der Frauen bei der Entwicklung von Zukunftsalternativen hervor. Magda McHale warnt vor kultureller Arroganz. Allen Tough plädiert für integrativeres Denken mit Mut zu großen Entwürfen und Igor Bestushev-Lada reflektiert Möglichkeiten der Transformation des" Kasernensozialismus" . Donald N. Michael schließlich argumentiert, daß Zukunftsstudien meist typisch westliche Denkhaltungen reflektieren. Der Band schließt mit einer kommentierten Bibliographie ausgewählter Publikationen von außerhalb der USA, u. a. aus Europa, Indien, dem Fernen Osten, dem pazifischen Raum und Großbritannien. Obwohl dieser Überblicksversuch reichhaltig und vielgestaltig ist, müssen doch Zweifel angemeldet werden, ob die wesentlichen Protagonisten und Ergebnisse erfaßt sind (vgl. das eben erst erschienene "Futures Research Directory"). Es gibt sicher Zukunftsforscher, die ihre Wissenschaft anders sehen. Trotzdem ist der Band ein wichtiger Überblick über wesentliche Positionen der heutigen Zukunftsforschung, der die Lektüre und Auseinandersetzung lohnt. W R.

The Knowledge Base of Futures Studies. Hrsg. v. Richard A. Slaughter. In: Futures April 1993 (25/3), S.227-374