Die noch vor kurzem oft zu hörende Klage, wir hätten heute - in einer Zeit des alltäglichen Konsumfetischismus - verlernt, Feste zu feiern, ist (statistisch betrachtet) nicht zu halten. Ein Blick auf den (Veranstaltungs)Kalender (nicht nur großstädtischer Vergnügungsangebote) beweist in der Tat das Gegenteil - und doch fällt es uns schwer, die hektische Monotonie des Alltags festlich zu überhöhen. Der anläßlich des 2000-Jahr-Jubiläums der Stadt Zürich von der Philosophischen Fakultät herausgegebene Band enthält einleitend eine prägnante Darstellung Paul Huggers zu Perspektiven der Forschungsgeschichte.

Ausgehend von der Überzeugung Jean-Jacques Rousseaus, daß an Stelle aristokratisch passiver Feierlichkeit (im Theater) das Fest eine "republikanische Tugend" sei, spannt Hugger den Bogen über anthropologische Ansätze (E. Durkheim u. a.), politische Aspekte des Festes bis hin zu den - vergleichsweise - bescheidenen Äußerungen deutschsprachiger Theoretiker. Das Spektrum der Auffassungen zur Funktion und Bedeutung des Festlichen reicht dabei von dem tendenziell destruktiven Element - das sich in einer zeitlich begrenzten Aufhebung von Hierarchie und Ordnung äußert - bis hin zu der These, daß in Festen und Feiern die Zustimmung zur Welt zum Ausdruck kommt. In der Beobachtung, daß die Negativität des Alltags durchbrochen und herrschende Ordnung fröhlich relativiert wird, seine Gemeinsamkeiten auszumachen.

Neben historischen Analysen gesamteuropäischer und eher lokaler, helvetischer Festtradition sind in unserem Zusammenhang vor allem zwei Beiträge von Interesse: Wolfgang Lipp ("Großstadtfeste der Moderne") sieht in der Möglichkeit der Partizipation, Animation und Identifikation die zentralen Kategorien des Festlichen, das für ihn in Form der Messe, des Spektakels und der Szene ebenso auszumachen ist wie im Warenhaus, das als "Gesamtkunstwerk" die Funktion eines "Dauerfestivals des kleinen Mannes" erfüllt. Die Technisierung, Ökonomisierung und Demokratisierung sind für ihn die wesentlichen Merkmale der Profanisierung. Hermann Bausinger beschreibt in Gegensatzpaaren die Spannungszonen, in welchen es gelingt, die "große Last (des Alltags) abzuwerfen": Ordnung und Chaos, Organisation und Spontaneität, Tradition und Innovation, Sinngebung und Sinnlichkeit, Abgrenzung und Ausgleich sowie Teilbereich und Totalität sind die Markierungspunkte, an denen sich Form und Inhalt, Anspruch und Wirklichkeit des Festes bestimmen lassen.

Stadt und Fest. Zur Geschichte und Gegenwart europäischer Festkultur. Hrsg. v. Paul Hugger in Zusammenarbeit mit Walter Burkert und Ernst Lichtenhahn. Unterägeri: W & H Verlag, 1987, 276 S.