Die Zeitenwende wirft im Blätterwald längst ihre Schatten voraus. Auch der Spiegel meldet sich dazu mit einem "special" zu Wort und hat u. a. einige international renommierte Autoren nach ihren Zukunftsprognosen befragt. Zunächst findet man aber einen interessanten Rückblick aus dem Buch "Die Welt in 100 Jahren" (1910) um festzustellen, daß vergangene Orakel und Visionen ziemlich falsch lagen. Dies wirft aus heutiger Sicht natürlich ein etwas schiefes Bild auf die im folgenden festgehaltenen Expertenmeinungen.

Der US-Zukunftsforscher Michio Kaku im Originalton: "Der Laptop-Computer wird mit dem Mobiltelefon verschmelzen und Platz in einer Krawattennadel finden. Ohrringe werden Kontakt zu GPS-Satelliten aufnehmen und ihre Position auf 100 Meter genau bestimmen .... Wir werden in Zukunft die Macht der griechischen Götter haben, und wir werden salomonische Weisheit brauchen, um mit dieser Macht umzugehen:' Oder Jesco von Puttkamer, der NASA-Chefvisionär, schwärmt von Ferienflügen zum Mond und der Reise zu fernen Sternen, vom "Warp-Antrieb" (mit Überlichtgeschwindigkeit) aus dem Raumschiff-Enterprise und der ersten Geburt auf der Internationalen Raumstation.

Der Publizist Johano Strasser beschäftigt sich mit der Zukunft der Erwerbstätigkeit. Seine Vorschläge gegen Massenarbeitslosigkeit sind eine drastische Verkürzung der Erwerbsarbeitszeiten, "freiwillige" Arbeit für Grundeinkommen im öffentlich-gemeinnützigen Sektor und eine andere Bewertung des Begriffs "Arbeit': Das Vorstandsmitglied für erneuerbare Energie in der Deutschen Shell AG, Fritz Vahrenholt, engagiert sich - man höre und staune - v. a. für die Nutzung von Sonnen- und Windenergie. Zu einem weiteren brisanten Thema, der Bevölkerungsexplosion, hat Claus Jacobi nicht viel Neues beizutragen. Über die Wirtschafts- und Gesellschaftsform der Zukunft diskutieren der Bestsellerautor Richard Sennet - er plädiert für einen flexiblen Kapitalismus - und der Philosoph Richard Rorty, der davon träumt, "daß die EU funktioniert und Amerika ihr dann beitreten kann':

Neben zahlreichen weiteren Aufsätzen (z. B. Bildungsurlaub anno 2098, Pläne für Silvester 2000) findet man im Sonderteil "Anstiftung zum Lesen" Rezensionen zu ausgewählten Neuerscheinungen von der Politiker-Biographie bis zur Belletristik. Außerdem enthält das Heft eine Literaturdatenbank auf CD-ROM mit über 600.000 Buchtiteln (von amacon.de). Insgesamt ein durchaus reizvoller, lesenswerter Ausblick, der darüber hinaus auch viele Fakten und Daten (Bevölkerung, Arbeit) enthält.


A. A.

Die Zukunft der Erde. Spiegel special. 1998, Nr. 10. 162 S.