Auguste Comte, der der Soziologie als erster den Status einer eigenen Wissenschaftsdisziplin einräumte, schlug vor, daß die Welt von Soziologen - den neuen, weltlichen Priestern - regiert werden solle. Diese Heilserwartung (und Selbstüberschätzung) wird heute gemeinhin belächelt, dennoch ist sie an der Soziologie nicht spurlos vorübergegangen. Für eine Wissenschaft, deren Themenfeld komplexe Gesellschaften sind, stellt sich natürlich die Frage, was sie zur Rettung eben dieser beitragen kann - zumal von Gesellschaften, die dazu imstande wären, den ganzen Planeten Erde auszurotten.

Die Vision, daß die Soziologie Wissenschaftler als Regenten zur Verfügung stellen könne, ist absurd. Was sie jedoch leisten kann, ist. Wissen anzubieten. Ob das viel oder wenig ist, darüber ist zu diskutieren. Kurt Heinrich Wolff (geb. 1912) stellt sich dieser Diskussion. Er rollt im vorliegenden Buch die Geschichte der Soziologie, insbesondere der Wissenssoziologie, auf und geht der Frage nach, welche Rolle das Individuum in Gesellschaften spielt - nämlich in Gesellschaften, die angesichts möglicher oder sich ankündigender Katastrophen zu erstarren drohen. Im Zuge dieser Auseinandersetzung nimmt Wolff auf erfrischende Weise soziologische Klassiker wie Marx, Weber, Scheler, Schütz, Husserl, Mannheim und Durkheim unter die Lupe. Dieser soziologiegeschichtliche Abriß ist die Stärke des Buches.

Für Wolff liegt die Aufgabe der Soziologie darin, das Individuum zu "rehabilitieren und wieder zur Geltung zu bringen". Dieser subjektivistische Zugang ist keineswegs unpolitisch, denn er ist sich darüber im klaren, daß das Individuum seiner Lebenswelt nicht entfliehen kann. Wolff kommt damit zur Frage, wie Individuen in von der Zerstörung bedrohten Gesellschaften souverän handeln können. Trotz der gebotenen Skepsis ist auf jeder Seite die Hoffnung des Autors zu spüren, daß all die soziologischen Mühen der letzten 200 Jahre nicht umsonst gewesen sein mögen.

I.B.

Wolff. Kurt H.: Soziologie in der gefährdeten Welt. Zur Rehabilitierung des Individuums. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1998. 140S., DM 16,80/sFr 16,-/öS 123,-