"Wir müssen uns von den Trugbildern des Fortschritts lossagen", denn der Fortschritt wirkt sich nachteilig auf das gemeinschaftliche Leben aus, so lautet die zentrale Aussage von Maxime Laguerre. Und er stellt in Abrede, daß die Zunahme des Fortschritts, die mit einer Erhöhung des Lebensstandards einhergeht, zugleich eine Vermehrung von Glück bedeutet. Er analysiert die Mechanismen des Fortschritts, um zu zeigen, wie dieser die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft beeinflußt hat. Dabei geht er vom Widerspruch aus, daß bestimmte Aspekte des Fortschritts mit Freude verbunden, andere aber als unerträglich oder gar lebensgefährdend empfunden werden.

Die von Laguerre erörterten Aspekte reichen von den Beziehungen zwischen ethnischen Gruppen in Frankreich und der französischen Kolonisierung Afrikas über Kindererziehung und Schulbildung bis hin zu Reflexionen über das Angeborene und das Erworbene sowie frag-  würdige Mechanismen des Fortschritts in der Landwirtschaft. Bei aller Kritik des Fortschritts irn einzelnen hält Laguerre dennoch die Fortschrittsfähigkeit für die entscheidende Determinante des Menschen. "Die Erfindung unterscheidet den Menschen vom Tier, das seine Umwelt und seine Lebensform nie hat verändern können oder wollen." (S. 313) Vom nächsten Jahrundert erwartet der Autor "das Ende der Illusionen und die Rückkehr zur Wirklichkeit" (S.306). Wenn aber, wie Laguerre behauptet, "die Mächte, die die Menschen führen, unbewußt sind und in dessen Wesen gründen", welche Möglichkeiten bleiben uns?

Antworten auf die Fragen, wie wir Arbeitslosigkeit, Jugendkriminalität und Sinnleere in den Griff bekommen, bleibt der Autor weitgehend schuldig. Zwar kritisiert er Mondialisierung, Globalisierung, organisierte Vergeudung, demographische Explosion, Egalitarismus der Geschlechterbeziehung und den Universalismus, der sämtliche Besonderheiten zerstören wird. Das allein ist jedoch nicht ausreichend, wenn es darum geht, Alternativen aufzuzeigen und umzusetzen. So gesehen, bleibt Laguerres Analyse vieles schuldig. Wer davon spricht, daß "die Mächte, die die Menschen führen, unbewußt sind und in dessen Wesen gründen" (S. 135), der scheint letztlich wenig Vertrauen in die Gestaltbarkeit der Zukunft zu haben.

A.A.

Laguerre, Maxime: Unsere Gesellschaft am Abgrund. Die Irrwege des Fortschritts und seine Folgen. Tübingen (u.a): Hohenrain-Verl., 1997. 318 S.,DM 32,/ sFr 29,50 / öS 234,-