Die sich ständig beschleunigende Moderne ist für den Präsidenten von “Eurosolar” und SPD-Abgeordneten zum Deutschen Bundestag, Hermann Scheer, ein überholtes, im doppelten Wortsinn fossiles Konstrukt. Trotzdem deutet gegenwärtig vieles darauf hin, “daß die globale ‘Entflammung’ fossiler Energien allein zwischen 1990 und 2010 um 50% steigen wird” (S. 13). Lediglich 14% des statistisch erfaßten Weltenergieverbrauchs werden heute durch die Verbrennung von Biomasse und nur 6% durch Wasserkraft abgedeckt. Nicht zuletzt befürchtet Scheer, daß durch die niedrigen Preise fossiler Energie die bereits existierenden alternativen Ansätze wieder zurückgedrängt werden. Angesichts dieser willkürlich herbeigeführten 'Sonnenfinsternis' geht es nun darum, der 'Sonnenstrategie' politisch wie auch wirtschaftlich zum Durchbruch zu verhelfen..

Zunächst arbeitet Scheer heraus, warum sich die Weltwirtschaft seit dem späten 18. Jahrhundert immer stärker von fossilen Ressourcen abhängig gemacht und dabei u. a. umfangreiche Transport-, Lager- und Verteilungsinfrastrukturen aufgebaut hat. Das Standardargument der Vertreter des industriellen Komplexes alten Zuschnitts, wonach nur durch den Einsatz der herkömmlichen Energieträger die Existenz von Unternehmen und Volkswirtschaften gesichert werden könne, widerlegt Scheer mit dem Hinweis darauf, daß solare Ressourcenpotentiale in den Zusammenhang der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung gestellt werden müssen und erhebliche Wachstumspotentiale ausweisen: Der Autor sieht bei erneuerbaren Energien auch insofern einen ökonomischen Vorteil, als “ihre Nutzungskette wesentlich kürzer ist”. Grundsätzlich geht Scheer davon aus, daß nur in einer solaren Weltwirtschaft die materiellen Bedürfnisse aller Menschen befriedigt werden können. Das bedeutet hinsichtlich der wirtschaftlicher Handlungsebenen, daß nur die vorrangige Nutzung und Vermarktung lokaler solarer Energien zielführend ist. Die Konturen einer solaren Weltgesellschaft werden sich jedoch nur dann abzeichnen, wenn die Menschen den Weg dorthin konkreter als bisher erkennen können. Politische Initiativen müssen v. a. darauf abzielen, die zahlreichen Subventionen und Steuerfreiheiten für Fossil- und Atomenergie zu beenden, um der solaren Option den Weg zu bahnen. Die Folge wäre “das Leitbild einer primären Wirtschaft”, die etwa Land- und Forstwirtschaft nicht mehr als Restgrößen, sondern “als neue und dauerhafte Hauptträger für die Volkswirtschaft insgesamt” sieht. Daraus ergeben sich mehrere Schlußfolgerungen sowohl in Richtung Landwirtschaft (Finanzierungshilfen statt Subventionen, Stopp der Patentierung von Genen und Genkette) als auch in Richtung Arbeitsmarkt. Die Umverteilung der Arbeitserträge muß über Arbeitszeitverkürzungen und/oder über staatlich garantierte Lebensunterhaltszahlungen erfolgen. Nach Ansicht Scheers wird die “Mobilisierung der Sonnenarbeit” die den Menschen verbleibende Arbeit regional gerechter verteilen. Die Regionalisierung wirtschaftlicher Kreisläufe wiederum erleichtert es Regierungen, “das Steueraufkommen zur Finanzierung des Bedarfs an öffentlichen Leistungen verwenden zu können”. (S. 326).

Wohl niemand sonst vertritt die Option einer solarer Weltwirtschaft so konsequent und konstruktiv wie Hermann Scheer. Folgerichtig wurde der “Anwalt der Sonne” für sein zukunftsweisendes Engagement mit einem “Alternativen Nobelpreis” geehrt. Anlaß zur Gratulation ebenso wie die dringende Aufforderung, diesen Weg auch im eigenen Bereich nach Kräften zu unterstützen.

A. A.

Scheer, Hermann: Solare Weltwirtschaft. Strategie für die ökologische Moderne. München: Kunstmann, 1999. 340 S., DM 42,- / sFr 40,- / öS 307,-