Die Wissensgesellschaft läßt sich heute schon in ihren Grundzügen erkennen. Der Herausgeber des Online-Magazins Telepolis (www.heise.de/tp) und Autor des viel beachteten Buchs “Digitale Weltentwürfe” (1998), Florian Rötzer, stellt die Frage nach dem freien Zugang zu Information und Software ebenso zur Diskussion wie den Widerspruch zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre im Cyberspace. Es geht aber auch darum, wie sich unsere Lebenswelt durch die Virtualität verändert hat und noch verändern wird. Nach Ansicht des Autors besteht die besondere Faszination des Internet darin, “daß es einen neuen Lebensraum eröffnet hat, der sich anders bewohnen läßt, als dies bei vorhergehenden Techniken und Medien der Fall war” (S. 8).

Rötzer sieht in der kommenden Entwicklung sowohl Chancen (Demokratisierung) als auch Gefahren. Der oft gepriesene freie Zugang zu Informationen und Software gerät einerseits zunehmend in Bedrängnis. So strebt etwa Australien ein Gesetz zum Sperren bestimmter Inhalte im Netz an und auch die EU (www2.echo.lu/iap/filter_rate/prepact2.html) denkt über Zugangsfilter nach. Der kleine Himalaya-Staat Burma hat gar den Gebrauch des Internet verboten. Andererseits nennt Rötzer das “Multilaterale Investitionsabkommen der OEDC-Staaten” (MAI), gegen das via Internet weltweiter Widerstand organisiert wurde als Beispiel einer bislang weitgehend erfolgreichen “Cyber-Demo”.

Was in technischer Hinsicht auf uns zukommt, zeigt der Autor u. a. anhand des “Bodynet”, das am MIT in Boston entwickelt wird. Alle mitgeführten winzig kleinen Geräte (etwa farbige Monitoren für jedes Auge) werden über “Bodytalk” vernetzt, die den Körper mit schwachen Radiowellen umgeben. Beherrschen sollte man dann jedenfalls “Multitasking”, die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Andere Möglichkeiten erwarten uns in der Küche der Zukunft, die unsere Essenswünsche durch Scannen der Gehirnströme ablesen oder unsere Vorlieben und Verhaltensgewohnheiten zur Grundlage der Menuzusammenstellung machen analysieren wird. Dies nur einige Highlights auf dem Weg in die Wissensgesellschaft, in der “die Mauer zwischen Privatheit und Öffentlichkeit” nicht mehr existent sein wird.

In zwölf Thesen hat der Autor seine Vision vom “Überleben im Netz” festgehalten. Beispielsweise fordert er von der internationalen Gemeinschaft, daß sie den Trend zur allzu starken Privatisierung von Information und Wissen verhindert und stärker auf die Wahrung des Allgemeininteresses achtet. Rötzer plädiert auch für eine “Ökonomie des Schenkens” von Software als Ausdruck einer vernetzten Wissensgesellschaft. Schließlich sollte der Aufbau von vielsprachigen virtuellen Ausbildungsangeboten und ein möglichst breiter Zugang zum Internet sowie der Aufbau einer umfassenden Wissensdatenbank von der internationalen Staatengemeinschaft realisiert werden.

Fünf internationale Berichte über die Computerszene Osteuropas, den politischen Widerstand per Internet, die Vernetzung eines Inselstaats (Philippinen) sowie den Cyborg als bereits weit mehr als nur denkbare nächste Stufe der menschlichen Evolution ergänzen den Band.


A. A.

Rötzer, Florian: Megamaschine Wissen. Vision: Überleben im Netz. Frankfurt/M. (u. a.): Campus-Verl., 1999. 263 S. (Visionen für das 21. Jahrhundert; 6) DM 36,- / sFr 35,- / öS 263,-