Rolle des Wirtschaftsjournalismus

Ausgabe: 2017 | 1

Ferdinand Knauß und WirtschaftsjournalismusFerdinand Knauß, Redakteur bei der WirtschaftsWoche, hat sich die Rolle des Wirtschaftsjournalismus im Kontext des „Wachstumsparadigmas“ angesehen und einschlägige Beiträge aus FAZ, Die Zeit und Der Spiegel analysiert. Er geht dabei zurück bis zum Beginn des Wirtschaftswunders in den 1950er-Jahren, ortet den ideologischen Knick in den 1960er-Jahren, als Ludwig Erhards Politik der Mäßigung durch das „Wachstums- und Stabilitätsgesetz“ des neuen Wirtschaftsminister und „Medienliebling“ Karl Schiller abgelöst worden sei. Dieser habe den Glauben an unbegrenztes Wachstum grundgelegt, den auch die in den 1970er-Jahren aufkommenden ökologischen Bedenken („Die Grenzen des Wachstums“)  nicht wirklich erschüttern konnten, so die Analysen von Knauß. Der Autor beleuchtet drei „Erzählungen“ des Wachstumsdogmas: das „Wachstum der Grenzen durch Innovation“, den „Standort Deutschland als Ersatzvaterland“ sowie die „Einwanderer als Wachstumsretter“.

Die Schlussfolgerungen von Knauß sind bedenkenswert. Das Wachstumsparadigma sei zunächst eine erfolgreiche Antwort auf die Krisen und Kriege der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen: „Der Welt wäre viel Leid erspart geblieben, wenn schon in den 1920er-Jahren stattgefunden hätte, was dann nach 1945 gelang: Wohlstand für alle.“ (S. 166) Was zunächst sinnvoll und erfolgreich war, hätte jedoch ab den späten 1960er-Jahren seine Wirksamkeit verloren. Wachstum sei zum ideologischen Fetisch geworden – mit dem Preis immer höherer Staatsverschuldung. Knauß analysiert das unkritische Nahverhältnis zwischen Wirtschaftsforschungsinstituten, politischen Parteien (die bis herauf in die aktuelle Zeit durchgehend für Wirtschaftswachstum eintreten) und dem Wirtschaftsjournalismus. Die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften sowie die Verabsolutierung des Bruttonationalprodukts als „scheinbar überparteiliches Kriterium“ (S. 167) hätten dabei großen Einfluss gehabt. Statt kritisches Korrektiv zu sein, wurden die Medien zumindest im Bereich Wirtschaftsberichterstattung zum “Resonanzraum der vorherrschenden Ansichten“ (S. 173), so der Autor. Selbst heute sei kein Umdenken in Sicht. Knauß warnt, dass diese Starrheit den Vertrauensverlust in die Medien weiter verstärken werde. Im Zeitalter des Internet komme den Medien noch stärker als früher die Aufgabe zu, Hintergrundberichte zu liefern und Orientierung zu geben. Der Journalist plädiert daher dafür, kritische Sichtweisen, die bislang dem Feuilleton vorbehalten seien, auch auf die Wirtschaftsseiten zu bringen. Denn: „Wirtschaft ist ein viel zu wichtiges Feld, um es allein den zählenden und rechnenden Ökonomen zu überlassen.“ (S176).

Knauß, Ferdinand: Wachstum über Alles? Wie der Journalismus zum Sprachrohr der Ökonomen wurde. München: oekom, 2016. 192 S., € 24,95 [D],25,70 [A]

ISBN 978-3-86581-822-5