degrowth über PostwachstumsbewegungMehrmals berichteten wir in PZ bereits über die an Bedeutung gewinnende Postwachstumsbewegung. Nun ist ein Handbuch für „Degrowth“ erschienen, das insgesamt 53 Themen in knappen Essays abhandelt. Erörtert werden Grundbegriffe der Umweltökonomie wie „Entropie“, „Gesellschaftlicher Metabolismus“, „Jevons´ Paradoxon“, „Steady-State-Ökonomie“ oder „Peak Oil“ und „Rohstofffronten“ ebenso wie philosophisch-kulturelle Aspekte, etwa „Autonomie“, „Antiutilitarismus“, „Kommerzialisierung”, „Konvivialität“ oder „Glück“. Neue praktische Ansätze wie „Minimalismus“, „Alternativ- währungen“, „Commons“, „Kooperativen“, „Ökogemeinschaften“ oder „Urban Gardening“ kommen ebenso zur Sprache wie neue politische Vorschläge, etwa “Grund- und Höchsteinkommen“, „Bürgergeld“ (meint ausschließlich vom Staat geschöpftes Geld) oder „Beschäftigungsgarantie“ (Forderung nach einem vom Staat finanzierten öffentlichen Arbeitssektor, der ausschließlich Gemeinwohlaufgaben wahrnimmt; gedacht als Alternative zum bedingungslosen Grundeinkommen). Unter den Autor-Innen sind zahlreiche bekannte VertreterInnen der internationalen Postwachstumsbewegung wie der kanadische Ökonom Peter A. Viktor („Wachstum“), sein britischer Kollege Tim Jackson („Wirtschaftsordnung, neue“), die oben vorgestellte Soziologin Juliet B. Schor („Arbeitsumverteilung“), der französische Ökonom Serge Latouche („Dekolonialisierung des Vorstellungsraums“, „Pädagogik der Angst“) oder die Philosophin Barbara Muraca („Utopie“).

Wissenschaftlich fundiert und ansprechend geschrieben, stellen die AutorInnen Aspekte eines neuen Wirtschaftens und Lebens in den Kontext der Postwachstumsbewegung. Darunter finden sich auch hierzulande vielleicht weniger bekannte Ansätze wie „Nowtopia“, womit der kalifornische Open Source-Spezialist Chris Carlson die Bewegung von Menschen und Gruppen bezeichnet, die jenseits der Marktbeziehungen neue Produktionsweisen entwickeln, oder die auf George Bataille zurückgehende Diskussion über „Dépense“ (Aufwendung), die der Frage nachgeht, was eine Gesellschaft mit der nicht zur Befriedigung der physischen Bedürfnisse verwendeten Energie (im Sinne von Handlungsenergie) macht. Die Internationalität unterstreicht nicht zuletzt das Kapitel „Bündnisse“, in dem u. a. die lateinamerikanische Bewegung des Buen Vivir, die indische „Economy of Permanence“ sowie die afrikanische Ubuntu-Philosophie mit auf Gemeinschaft ausgerichteten Wirtschaftsweisen vorgestellt werden.

Die Beiträge durchzieht ein starker Veränderungsoptimismus ganz im Sinne eines „Handbuchs für eine neue Ära“. Die Frage nach Überwindung oder Transformation des Kapitalismus wird dabei unterschiedlich gesehen, wie ein einschlägiger Beitrag darlegt. Verbindend wirkt das Ziel, ein anderes Denken und neue Praxen des Handelns einzubringen. Dass „Degrowth“ dabei zuvorderst eine soziale Bewegung einer Minderheit ist, empfindet Niko Paech im Vorwort zur deutschen Ausgabe nicht als Makel, sondern als Prädikat: „Eine subversive Unterwanderung des Wachstumsdogmas beginnt damit, sich selbst zugleich als Träger eines reduktiven Übungsprogramms und als lebendes Kommunikationsinstrument zu entdecken.“ (S. 12) Hans Holzinger

Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. Hrsg. v.Giacomo D´Alisa u. a. München: oekom, 2016. 297 S.,€ 25,-  [D], 25,70 [A] ; ISBN 978-3-86581-767-9